Onlineangebote

Onlineangebote

Wort zum Sonntag in den Ferien

In den kommenden Wochen wird wegen Urlaubs die homepage nicht regelmäßig mit den neuen "Worten zum Sonntag" gefüllt - bitte schauen sie auf die Seiten der Gemeinden in unserer Region! 

 

Wort zum Sonntag, den 2. August

„Du bist ja so blind - woran siehst du das?“

Überlegungen zum 9. Kapitel des Johannes-Evangeliums und - zu uns!

 Weil du denkst: Du durchblickst es, kapierst du nichts. Auf diesen provokanten Satz läuft gleich ein ganzes Kapitel des Johannes-Evangeliums zu. Im Mittelpunkt steht die Heilung eines blind geborenen Menschen. Aber eigentlicher Zielpunkt sind die sogenannten oder besser die sich selbst so verstehenden „Sehenden“.

Was ist ein „Sehender“? Das ist eigentlich etwas bitter Nötiges: Menschen, die den Durchblick haben. Das bräuchten wir. Schade nur, dass wir als „Sehende“ oft genug absolut blind sind.

Nach den Ausschreitungen vorwiegend junger Leute in Stuttgart, hat die Polizei erst mal nachgeforscht, wo die Eltern dieser Leute herkamen. Vielleicht hatten die ja Migrationshintergrund. Siehste - das haben wir uns doch gedacht!

 

So geht das auch im Johannes-Evangelium zu: Die Jünger haben die schlaue Frage: Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Eine widerliche Frage. Eine Frage der „Sehenden“. Wir sehen, dass er blind ist. Wir sehen, dass bei ihm was nicht stimmt. Wir sehen auch den Grund dafür: Da hat einer gesündigt. Die spannende Frage ist: Der oder seine Eltern?

Die Jünger, die das fragen und sich für sehend halten, sind so blind. Sie haben nur Augen für ihre Weltsicht: wer krank, behindert, eingeschränkt, fern der Norm ist - der hat Schuld. Was sie nicht sehen, ist der Mensch, der da bettelnd am Straßenrand sitzt, weil er sonst keine Chance hat, als Ausgestoßener zu überleben. Was sie nicht sehen, ist ihre eigene Kurzsichtigkeit gegenüber diesem Menschen, der doch ein Mensch ist wie sie, dem sie sein Menschenrecht und seine Würde verweigern. Ein Mensch - der nicht sehen kann und die anderen können das nicht mitansehen. Da muss doch einer schuld sein!

Jesus legt den Unsinn beiseite. Er redet von sich: Ich bin das Licht der Welt. Er macht einen Brei aus Spucke und Dreck, bestreicht die Augen des Menschen und sagt ihm, er solle sich im Teich Siloah waschen. Mit vollständiger Augenfunktion kommt er zurück.

Klar, wir sind nicht Jesus. Wir schmieren niemand Spucke und Dreck ins Gesicht. Und wenn wir es täten, würden wir keine Augenfehlfunktion damit beheben. Jeder, was er kann. Jede, was ihr möglich ist.

Es ging durch die Medien. Patrick Hutchinson, ein kräftiger, trainierter Mann, nahm an einer Antirassismus-Demo in London teil. Weiße Rechtsextreme stellten sich den Demonstrierenden in den Weg. Es kam zu Rangeleien, aufgeheizte Stimmung, Pöbeleien, Übergriffe. Einer der Weißen stürzte und fand sich plötzlich am Boden mitten unter den Demonstranten wieder. Er drohte niedergetrampelt zu werden. Patrick Hutchinson, selbst schwarz, sah die Gefahr, hob den Weißen auf seine Schultern und trug ihn zur Polizei und damit in Sicherheit.

"Sein Leben war in Gefahr. Also bin ich runter, hab ihn aufgehoben und bin mit ihm in Richtung der Polizei gelaufen.", erklärte er hinterher und fügte hinzu: Du denkst zu diesem Zeitpunkt nicht darüber nach. Du tust einfach das, was du tun musst."

Einerseits fehlte Patrick Hutchinson hier völlig das Verständnis für die Dinge. Diese rechtsradikalen Pöbler waren dabei, seine friedliche Demonstration für die Gleichberechtigung aller Menschen kaputt zu machen. Solchen Leuten muss man Widerstand leisten und nicht Beistand. Was er sah, war ein Weißer, der ihm mit Hass begegnete und ihm sein Menschenrecht bestritt. Und wenn er ein wenig darüber nachgedacht hätte, dann wäre ihm doch wohl klar gewesen: Für den war er nicht verantwortlich. Wenn der in Schwierigkeiten war, war der selbst schuld. Das war nicht seine Sache, sich um den Sorgen zu machen. Es gab sehr viele gute Gründe, den da liegen zu lassen.

Aber Patrick Hutchinson hat nicht nachgedacht, wie er sagt, sondern gehandelt: „Du tust einfach das, was du tun musst.“

In der Folge der Augenheilung des vormals blinden Bettlers kommt es zu heftigen Diskussionen mit denen, die sich selbst für sehend halten. Es geht um unsere „Sehgewohnheiten“, um festgezurrte Meinungen, um Vorurteile, um Vereinfachungen, um unsere Sicht, die wir der Wirklichkeit überstülpen und behaupten, das sei die Wirklichkeit.

Weil ihr denkt: Wir durchblicken es, kapiert ihr nichts. So lautet die Kritik am Schluss des Evangeliumskapitels. Ihr erklärt das Leben dieses Menschen für kaputt, weil er nicht gucken konnte. Aber ihr macht euer eigenes Leben kaputt, weil ihr alles eurer Sicht der Dinge unterordnet, weil ihr nicht über den Tellerrand sehen wollt, weil ihr keine Einsicht zeigt, weil ihr eure Perspektive nicht ändern könnt.

Wie um Himmels willen, bekommen wir die Augen auf? Die Augen auf für uns selbst und unsere Rolle im Geschehen?

Wer sich selbst für sehend erklärt, der hat es offenbar richtig schwer, die anderen in den Blick zu nehmen und die eigene Beteiligung auch nur zu ahnen.

Wie kommen wir da raus? Einerseits müssen wir uns ein Gewissen bilden. Hilf einem, der in Not ist. Das hatte Patrick Hutchinson irgendwann mal gelernt, verstanden, eingesehen. Da musste er im entscheidenden Moment nicht mehr lange nachdenken, sondern konnte handeln.

Wir brauchen dieses Nachdenken. Was macht unser Leben kaputt und was tut ihm gut? Wie leben wir achtungsvoll miteinander und welche Gestalt muss unser Zusammenleben dann haben?

Aber wir müssen auch die Freiheit behalten.

Die Freiheit     - einfach zu handeln, sich die Finger schmutzig zu machen, ohne lange dieses  und jenes und jenes und dieses zu bedenken.

Die Freiheit     - sich selbst mit anderen Augen zu sehen, am besten mit den Augen von Menschen, die unser Verstehen und unsere Hilfe gut gebrauchen könnten.

Die Freiheit     - mutig zu handeln, auch wenn nicht alles klar ist.

Die Freiheit     - damit leben zu können, dass wir auch etwas übersehen haben könnten und noch mal neu hingucken müssen.

Die Freiheit     - unsere eigene Mitverantwortung nicht auf andere abzuwälzen.

Die Freiheit     - unsere Bilder von anderen niemals für eine abschließende Sicht zu halten.

Wie finden wir diese Freiheit?

Das Johannes-Evangelium meint: Bei Jesus gibt es das. Wenn wir die Geschichten über ihn betrachten, seine Worte und Handlungen verfolgen - dann behindert das durchaus mal die Sicht, die so vertraute und festgelegte Sicht, die Blindheit der „Sehenden“ eben.

Und wenn wir dann die Augen wieder aufmachen, können wir vielleicht was erkennen. Vielleicht!

Pastor Eckhard Gering, St. Willehadi 

 

Wort zum Sonntag am 26. Juli

Philadelphia

„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe“. So beginnt der Predigttext für Sonntag, den 26. Juli. Das klingt ziemlich altbacksch, um es vorsichtig auszudrücken. Man könnte es auch unemanzipiert oder gar sexistisch nennen. Am Unterschlagen der Schwestern ändert sich auch nichts, wenn man Luther rechts liegen lässt und den griechischen Urtext zu Rate zieht. Denn dort steht: „Die Bruderliebe bleibe!“ Und so ist es denn wohl auch: Die Bruderliebe bleibt, jedenfalls wenn man meint, sich an den biblischen Wortlaut halten zu müssen.

Das griechische Wort für die Bruderliebe im Neuen Testament lautet „Philadelphia“. Wenn Sie sich schon über die Lutherübersetzung geärgert haben, dann fühlen Sie sich nun vermutlich erst recht darin bestätigt, dass das alles ganz großer Käse, wenn auch nicht unbedingt Frischkäse ist, den man da vor 2000 Jahren verzapft hat.

Philadelphia, so heißt eine Großstadt an der us-amerikanischen Ostküste. Dort spielt ein Film aus dem Jahr 1993. Mit Toms Hanks und Denzel Washington in den Hauptrollen und dem eigens von Bruce Springsteen komponierten Stück „Streets of Philadelphia“ stellt dieser Streifen einen der ganz großen cineastischen Höhepunkte dar. Es ist der erste Film Hollywoods, der sich kritisch mit den Themen Homosexualität und HIV/AIDS auseinandersetzt.

Tom Hanks spielt darin den talentierten jungen Anwalt Andrew Beckett. Als Teilhaber in einer angesehenen Kanzlei scheint ihm die Welt zu Füßen zu liegen. Die altehrwürdigen Gründungsväter halten große Stücke auf ihren Youngster, der seine Homosexualität ebenso für sich behält wie die Tatsache, dass er HIV-positiv ist. Als sich erste Spuren einer AIDS-Erkrankung zeigen, wird Beckett aufgrund eines vorgetäuschten Vergehens entlassen. Beckett vermutet, dass er lediglich aufgrund seiner sexuellen Orientierung moralisch untragbar geworden ist und möchte seine ehemaligen Geschäftspartner wegen dieser Diskriminierung verklagen. Dabei soll ihm ein Anwalt helfen, den er bisher nur als Vertreter der Gegenseite kennt. Der vom schwarzen Denzel Washington gespielte Anwalt Joe Miller lehnt jedoch zunächst ab. Er macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Homosexuellen. Und im Übrigen hat er Angst davor, dass seine Frau und sein Baby durch diesen Kontakt von der Immunschwächekrankheit befallen werden könnten. Durch Zufall jedoch erlebt Miller ganz hautnah, wie Beckett wegen seiner Krankheit diskriminiert und ausgegrenzt wird. Ein zunächst noch zaghafter Umdenkprozess wird initiiert und lässt ihn schließlich Partei ergreifen. Dabei lässt der Film offen, ob eigene Erfahrungen rassistisch begründeter Diskriminierung anklingen, die seine Sympathie wecken und seine Position nach und nach verändern. Je mehr sich Joe Miller mit dem Fall des Andrew Beckett beschäftigt, je tiefer er in dessen Leben eintaucht, umso mehr entsetzt ihn das Verhalten anderer gegenüber seinem inzwischen sehr deutlich an AIDS erkrankten Klienten. Rückblickend distanziert er sich von seiner eigenen durch Unwissenheit und Angst bestimmten Einstellung. Schließlich siegt seine Menschlichkeit über seine Vorurteile. Gemeinsam ziehen Miller und Beckett vor Gericht. Der zu Beginn der Handlung noch homophobe Anwalt wandelt sich zu einem glühenden Verteidiger der Menschenrechte. Aus Saulus wird Paulus.

Auch wenn man diese 180-Grad-Wenden als allzu oft in amerikanischen Filmen bemühtes Schema zur Genüge kennt, so nimmt mich dieser Film doch jenseits aller Déja-vue-Effekte gefangen. Sicher liegt es zunächst an der perfekten schauspielerischen Leistung. Aber es ist auch die Botschaft: Wo Menschen sich wirklich begegnen, da verschwinden Ängste und damit auch Vorurteile. Man mag es biblisch Philadelphia, also Bruderliebe, oder stattdessen zeitgemäßer geschwisterliche Liebe nennen. Vielleicht auch schlicht Sympathie. Das klingt zunächst weniger pathetisch, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist, wie bereits der bloße Vergleich beider Wörter zeigt. Sympathie kommt übrigens auch aus dem Griechischen und heißt so viel wie „das Leid gemeinsam tragen“.

Pastor Gert Glaser, Osterholz-Scharmbeck

Wort zum 6. Sonntag nach Trinitatis 19.7.2020

„Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin;

wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“ Psalm 139, 14

Um es vorweg zu sagen: Natürlich gibt es Menschen, die sich selbst ganz wunderbar finden, ganz zufrieden mit sich sind – sich äußerlich und innerlich toll finden. Und natürlich kann das auch dazu führen, dass sie nicht nur mit sich selbst zufrieden sind, sondern selbstzufrieden – und sich über andere erheben.

Viel häufiger aber sind Menschen nicht so. Nicht nur nicht zufrieden, sondern überaus kritisch mit sich: Mit ihrem Aussehen, mit ihren Fähigkeiten. Sie schauen in den Spiegel und sehen nur Unzulänglichkeit. Sie hören im Chor der Stimmen vor allem die heraus, die sie kritisieren. Sie legen äußere Maßstäbe an: Immer schöner, schlanker und jünger zu scheinen, dabei erfolgreich, klug, witzig zu sein, dabei aber auch großzügig, natürlich.

Gerade Jugendliche erleben dies oft als einen starken Druck. Mancher strampelt sich ab, um da mithalten zu können; arbeitet ein Leben lang an gegen das Gefühl, nicht genug zu sein.

Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.

Das ist ein ganz anderer Blick auf sich selbst. Da spricht einer, der sich nicht den Maßstäben anderer unterwirft. Er sagt: Ich bin wunderbar gemacht. Der diesen Psalm geschrieben hat denkt an Gott, dem er sich verdankt.

Er staunt, was Gott ihm alles gegeben hat: Gott hat mich gebildet von Mutterleibe an, er hat meine Nieren geformt, mir mein Herz, Sinne und Verstand gegeben. Er kennt mich durch und durch. Er hat gewollt, dass ich geboren wurde und lebe. Das war das erste Geschenk, das ich erhalten habe: mein Leben.

 

Man spürt eine staunende Dankbarkeit. Ich bin - Gott sei Dank – von Gott gewollt!

So wie ich bin. Mit Einschränkungen leben wir alle. Ich war nie gut im Sport, ein anderer kann nicht singen. Es gibt nicht viele, die mit ihrem Äußeren zufrieden sind, andere, die sich nur an Leistung messen. Sie übersehen so vieles, was sie sind und können.

Mit dem Psalmbeter finden wir eine andere Perspektive: Stellen uns unter den liebenden Blick Gottes. Üben uns darin, uns selbst so zu sehen: Als wunderbare Geschöpfe. 

Sich in diesen Versen zu spiegeln am Morgen eines Tages verwandelt etwas in uns.

Der innere Zensor wird leiser. Gottes kräftige Zusagen für den Tag – warum nicht einfach hören und wirken lassen? Probieren sie es aus.

Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“

Birgit Spörl, Ritterhude     

Wort zum 5. Sonntag nach Trinitatis

Was ist Ihre Story?

Vor einigen Jahren, auf einem Flug in den USA in einem kleinen Flugzeug, nahm sich eine Stewardess die Zeit dazu, bei ihrem Gang durch die Sitzreihen uns Passagiere persönlich mit Blickkontakt zu begrüßen. Was mich noch mehr überraschte: Sie stellte dazu die Frage: „What’s your story?“  - „Was ist Ihre Geschichte?“

Ein Passagier begann zu erzählen. Wir Umsitzenden lauschten interessiert. Es ergaben sich angeregte Gespräche unter einander.

Mit der Frage nach der „Story“ kann es natürlich nicht um die ganze Biographie gehen. Es geht um eine Begebenheit, bei der sich im Leben eine Tür aufgetan hat, wo Dinge in eine neue Richtung gelaufen sind, wo man jemand geworden ist, die oder der man heute ist.

In meinen Begegnungen in der Gemeinde denke ich manchmal an diese Stewardess. Sie ist mir ein Vorbild geworden. Ich mache es ihr nach: Bei Geburtstagsbesuchen, oder bei einem Vorbereitungsgespräch für eine Taufe, Hochzeit oder Beerdigung, komme ich letztendlich irgendwann auf die Frage: „Was ist Ihre Story?“. Manchmal kommt man auch im Gespräch „zwischen Tür und Angel“ darauf.

Solche Stories faszinieren mich immer wieder neu. Gerne lese ich auch im Internet die Kurz-Biographien von Menschen, die mehr oder weniger berühmt sind und durch irgendetwas mein Interesse geweckt haben. Beim Lesen schaue ich gezielt nach dem jeweiligen Schlüsselmoment. Ein Moment, an dem das Leben nicht so gelaufen ist wie am Schnürchen, sondern es irgendwann irgendwie auf ungewöhnliche Art eine Kapriole schlug.

Jede Geschichte ist so einzigartig wie der jeweilige Mensch. Zugleich entdecke ich auch Gemeinsamkeiten: So eine Story beginnt oft damit, dass jemand in einer heftigen Krise steckt. Etwa ein schwerer Verlust, eine Trennung, ein Scheitern, oder ein Überdruss. Dann geschieht etwas: Es gibt eine Begegnung - meist mit einem Menschen, es kann aber auch ein Tier sein, ein Symbol, eine Sinneswahrnehmung - eine Begegnung also, die einen Impuls gibt und damit alles neu in Gang setzt - wie es übrigens auch in den meisten Romanen und Filmen geschieht.

Und in Geschichten der Bibel.

Wenn Petrus mit in jenem Flugzeug sitzen würde - auch er hätte eine Story zu erzählen, über seine Lebenswende, wie er Jesus-Jünger geworden ist (Lukasevangelium Kap. 5,1-11).

„Was ist Ihre Story, Mr. Simon Petrus?“

„Ich war Fischer. Einmal hatte ich mit meinem Team die ganze Nacht gefischt, aber absolut nichts gefangen. An jenem Morgen sitze ich also am Ufer bei Sonnenaufgang, wasche meine Netze, ich bin hungrig, frustriert, am Ende. Das ist doch kein Leben. Da kam dieser Jesus, ein Wanderprediger. Sagte, ich soll noch mal rausfahren mit ihm. Habe den Fang meines Lebens gemacht: Alles wurde anders - ich bin mit ihm mitgegangen. Meine Leute auch. Sofort. Nichts war mehr wie vorher.“

Der Rest ist Geschichte.

Die Geschichten der Bibel helfen mir dabei, die Schlüsselmomente meiner Mitmenschen noch besser zu verstehen. Und meine eigenen.

Ich frage mich, wie es kommt, dass die Durchbrüche oft nach einer Krise kommen. Wie auch bei Petrus: Eine Nacht vergeblicher schwerer körperlicher Arbeit, Nachtschicht, und dann kein Lohn, nicht einmal das Existenzminimum. Müdigkeit, Hunger, und ein Gefühl der Ausweglosigkeit.

Menschen in den Bibelgeschichten leiden unter Hungersnöten, Vertreibungen, Krankheiten, Trennungen, Verlusten, Ausgrenzungen, Kinderlosigkeit oder unerwarteten Schwangerschaften, Geschichten, die das Leben schreibt.

In dieser verzweifelten Lage erscheinen dann auf einmal ein Mensch, ein Tier, ein Wort, ein Zeichen, oder auch ein Wunder, eine Art Engel. Jemand, der oder die eine Botschaft vom Leben, von der Liebe, von der Hoffnung, vom Reich Gottes bringt. Etwas, bei dem das Leben nochmal zurück auf Start geht. Das Leben wird dadurch nicht unbedingt einfacher, aber tiefer, echter, lebendiger.

Vielleicht liegt es daran, dass Menschen in einer Krise um ein Vielfaches empfänglicher für Botschaften, Zeichen und Wunder sind. Wenn alles nach Plan läuft, dann hält man keine Ausschau nach einer rettenden Hand, dann hält man es nicht für nötig, etwas zu wagen, dann ist man nicht verzweifelt genug, um sich verändern zu wollen. Eine Krise bedeutet meist, das man etwas loslassen muss. Das Loslassen wiederum öffnet den Raum für etwas anderes.

Wenn wir einander Geschichten erzählen von Wendepunkten, dann macht uns das Mut. Gerade auch, wenn es für uns selbst mal wieder Zeit für einen „Mutanfall“ wird. So sind wir Geschichtenerzähler für einander, ReisegenossInnen durch das Leben. Wir sitzen ja in einem Boot.

Oder in einem Flugzeug.

Vielleicht wusste jene Stewardess: Wenn Menschen einander ihre Stories erzählen, dann hilft das gegen ihre Flugangst. Dann sind sie abgelenkt, unterhalten und inspiriert. Dies lindert wohl nicht nur die Angst vor dem Fliegen, sondern auch die Angst vor dem Leben.

Und welches ist Ihre Story?

Vikarin Dr. Annerose de Cruyenaere

Wort zum 4. Sonntag nach Trinitatis (5.7.2020)

Böses überwinden!

Christen stehen für das Gute und kämpfen gegen das Böse – was als Auftrag klar erscheint, ist doch nur schwer umzusetzen!

Zum 75. Jahrestag der Ermordung Dietrich Bonhoeffers im Konzentrationslager Flossenbürg / Oberpfalz schrieb der ARD – Korrespondent Arnd Henze in einem Artikel: „Es geht darum, Dietrich Bonhoeffer vom kitschigen Zuckerguss zu befreien, ihn als Zumutung und nicht als Besitzstand … in den ethischen Auseinandersetzungen der Gegenwart zu entdecken.“ (Zeitzeichen 12/2019)

In seinem Artikel wirft Arnd Henze der ‚Religiösen Rechten‘ (christlich-fundamentalistische Kreise) vor, den Theologen und Widerstandskämpfer Bonhoeffer umzudeuten. Was darin gipfelt, dass allen Ernstes der politische Widerstand Bonhoeffers in der Nazi-Zeit, der mit seiner Ermordung endete, mit dem Widerstand Donald Trumps gegen das politische Establishment der Gegenwart in den USA verglichen wird! In ähnlicher Weise machen sich rechts-religiöse Kreise in Deutschland wie auch die AfD diese Umdeutung zunutze.

„Schweigen im Angesicht des Bösen ist selbst böse.“ Dieses Zitat Dietrich Bonhoeffers wird in den USA, einer noch funktionierenden Demokratie, benutzt, um den politischen Gegner in die Nähe von Verbrechern zu rücken. Konkrete Beispiele sind etwa die Abtreibungskliniken oder Menschen, die das Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten in Gang gebracht haben.

Das alles bedeutet: Wer das Böse überwinden will, muss erstmal wissen, was böse ist, und was gut! Menschen, die über ausreichend Macht verfügen, scheinen neu zu definieren, was ‚Gut und Böse‘ ist, so wie sie es auch schon mit der Wahrheit machten. Dabei spielen Menschenrechte und -würde keine Rolle mehr.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, so schreibt der Apostel Paulus an die Christen in Rom (Römerbrief 12,21 – aus dem Predigttext für den 5.7.2020). Das Böse mit Gutem überwinden, klingt einfach und ist doch schwer, wenn nicht mal klar ist, was gut und was böse ist.

Ein anderes Wort von Paulus im selben Brief zeigt, dass sein eigenes Gebot kaum umzusetzen ist: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römerbrief 7,18b.19) Das ist eine Erfahrung, die ich teile, und die wohl allgemein menschlich ist.

Aus der Gegenüberstellung beider Worte könnte man schließen: ‚Böses mit Gutem überwinden‘ könnte damit beginnen, einen Blick auf sich selbst zu werfen, einen ehrlichen, kritischen Blick. Und es wird deutlich, dass Paulus mit seinem Gebot nicht die perfekte Tat, das ideale Leben meint. Es geht ihm um das Ziel, Gutes zu tun in kleinen Schritten, im Alltäglichen, ein entsprechendes Verhalten beharrlich einzuüben.

So ist das Überwinden des Bösen auch eine Selbstüberwindung: Das Gute nicht nur zu wollen, sondern auch zu tun. Und darin Vorbild zu sein für andere.

Zu dem, was Dietrich Bonhoeffer auszeichnet, gehört für Arnd Henze seine “Bereitschaft, immer wieder danach zu fragen, was Christsein in der konkreten Realität bedeutet und sich deshalb auf einen ständigen Lernprozess einzulassen.“

Eine solche Haltung gehört für mich unbedingt zum Guten, mit dem sich Böses überwinden lässt!

Pastor Enno Kückens, Scharmbeckstotel