Andachten und Impulse

Wort zum Sonntag

Geistliche Impulse

Wort zum Sonntag 2. Advent

Advent, das heißt: Gott kommt zu uns Menschen. Von diesem kommenden Gott spricht nicht erst das zweite, das Neue Testament. Schon beim Propheten Jesaja lesen wir im 40. Kapitel, Verse 3-5:

In der Wüste bahnet dem Herrn den Weg; machet in der Steppe eine gerade Straße unserem Gott! Jedes Tal soll sich heben, und jeder Berg und Hügel soll sich senken, und das Höckerige soll zur Ebene werden und die Höhen zum Talgrund, daß die Herrlichkeit des Herrn sich offenbare und alles Fleisch es allzumal sehe; denn der Mund des Herrn hat es geredet.

 

Hinter dem Hof meiner Eltern befand sich eine Art Wäldchen. Wir nannten es den Eichhof. Früher waren dort unsere tragenden Sauen auf der Suche nach Eicheln. Unter Brennnesseln und hohem Gras versteckt lag dort ein hölzernes Gebilde. Mittlerweile hat die Fäulnis nichts mehr übriggelassen von dem Gerät, das diese morschen Balken einmal darstellten.

Ich spreche von einem Schneeflug, von einem großen hölzernen Dreieck. Den Älteren wird es vielleicht noch bekannt sein. Seine Spitze war durch Eisen verstärkt. An den hinteren Enden waren Rohre als Halterungen für zwei rote Fahnen angebracht, die nachfolgende Autos warnen sollten.

Als meine Eltern den Hof 1956 pachteten, da übernahmen sie damit auch die Pflicht, den Schneeflug für das Dorf zu fahren. Eigentlich müsste man besser von ‘ziehen’ sprechen, denn der Schneeflug wurde hinter einen Trecker gespannt. Wenn es schneite, dann rief der Bürgermeister zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit bei uns an. Und mein Vater musste losfahren, auf dem ungeheizten Trecker. Und die Einsätze dauerten lang.

Fiel der Einsatz auf den Nachmittag, dann durften wir Kinder mitfahren. Entweder direkt auf dem Trecker, oder wir hängten unsere Schlitten in einer Reihe an den Querbalken und fuhren zwischen den beiden roten Fahnen in der Mitte der geräumten Piste. Der Flug ließ genügend Schnee liegen, so dass die Kufen der Schlitten nur selten Berührung mit Steinen oder Asphalt hatten.

Eine auf diese Weise geräumte Strecke war meist alles andere als eine gerade Straße, von der das Prophetenwort spricht. Der an einer Kette hängende Schneeflug suchte sich immer den Weg des geringsten Widerstands und pendelte mal nach rechts und mal nach links, wich stets nach dorthin aus, wo die Schneedecke am lockersten und am dünnsten war. Das machte die Fahrbahn zu einem äußerst kurvenreichen Gebilde. Aber immerhin: So konnten die Straßen unseres Dorfes auch von Autos befahren werden.

Wir Kinder freuten uns auf diese Einsätze, die mehrere Stunden dauerten. Wir freuten uns auf die Schlittenfahrt in der Advents- und Weihnachtszeit, und wir freuten uns darauf, etwas mit unserem Vater unternehmen zu können. In seinem Gefolge kamen wir uns vor wie kleine Helden, die etwas Großartiges leisteten, vielleicht nicht gerade für die gesamte Menschheit, so doch wenigstens für deren wichtigsten Teil, für unser Dorf.

An unseren alten Schneeflug musste ich denken, als ich die Verse des Jesajabuches las: „Bahnet dem Herrn den Weg; machet ... eine gerade Straße unserem Gott.“ Wie gesagt: Gerade waren unsere Wege nie. Und es blieb auch immer etliches an Schnee liegen. Aber menschliche Wege werden nie fehlerfrei, nie gerade und eben sein. Und das müssen sie ja vielleicht auch gar nicht. Denn im Gegensatz zu unseren empfindlichen Autos ist Gottes Ankunft, Gottes Advent nicht aufzuhalten. Jedenfalls nicht endgültig. Deshalb ist er auf unsere Räumungsarbeiten, auf unsere Hilfe letztlich nicht angewiesen.

Aber wenn er kommt und sein Kommen in uns tiefe Freude auslöst, wenn mit ihm Friede und Gerechtigkeit bei uns einziehen, wenn er uns echtes Leben und nicht bloßes Überleben bringt, wieso sollten wir ihm dann nicht den Weg bereiten? Wieso sollten wir ihm dann nicht das eine oder andere Hindernis aus dem Weg räumen?

Gottes Friede wird kommen, auf jeden Fall. Auch ohne unser Zutun. Aber aus Freude darüber, dass er kommt, können wir kleine Zeichen setzen, die auf seinen Advent hinweisen, die Gott den Weg bereiten: Eine freundliche Geste; ein kleines Dankeschön für Dinge, die wir sonst wie selbstverständlich hinnehmen. Gewiss, das ist nicht der ganz große Wurf, der in unserer verfahrenen Situation vielleicht nötig wäre. Aber es ist immerhin ein Zeichen. Es ist ein Stück Wegbereitung.

„In der Wüste bahnet dem Herrn den Weg; machet in der Steppe eine gerade Straße unserem Gott!“ Amen!

Gert Glaser

Wort zum Sonntag 1. Advent

Liebe Leserin, lieber Leser,
mit der ersten Kerze begrüßen wir den Advent, nähern uns Schritt für Schritt dem Weihnachtsfest. Die Zeit mit ihrer ganz eigenen Stimmung, den Vorbereitungen und Heimlichkeiten, auf die sich besonders die Kleinsten das ganze Jahr freuen.
Gerade in diesen Tagen allerdings werden die Schatten der Pandemie immer dunkler – die rasant steigenden Infektionszahlen, eine neue, womöglich noch gefährlichere Virusvariante, verbunden mit vielen bangen Fragen: „Was wird zu Weihnachten möglich sein?“ „Welche weiteren Einschränkungen werden kommen?“ „Können wir unsere Familien treffen?“ „Wird es Gottesdienste geben und wenn ‚Ja’ in welcher Form?“
Und vielleicht noch viel entscheidender: „Wie gelingt es in dieser Krisenzeit, gesund zu bleiben an Leib und Seele?“
Doch mitten in all diese Ungewissheiten hinein leuchtet auch in diesem Jahr das erste Adventslicht – und sei es noch so klein und unscheinbar. Es erinnert uns daran, dass es trotz allem und auch in der größten Krise Grund zur Hoffnung gibt. Neues darf beginnen. Advent – Ankunftszeit.
Wir erwarten, dass Gott selbst zu uns kommt, hinein in diese Welt mit all ihren Abgründen und in unser Leben. Wir erwarten, dass Gott die Welt und unser Leben verwandelt. Das ist eine ganz andere Zukunftsprognose gerade in dieser Zeit. Gott kommt – und wo er empfangen wird, da kommt etwas in Bewegung. Mitten in der Finsternis, der Ausweglosigkeit, der Armut und Sorge entsteht die Zukunft neu.
Nur in Bildern können wir beschreiben, was da geschehen soll: Das Licht, das in der Dunkelheit hell aufscheint. Das Kind in der Krippe im Stall von Bethlehem. Der König, der in die Stadt einzieht und in die Herzen der Menschen, die ihn erwarten…
Von ihm singt das wohl bekannteste Adventslied. Georg Weissel hat es 1623 in Königsberg nach den Versen des 24. Psalms gedichtet:
Macht hoch die Tür', die Tor' macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich'; ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt; derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.
„Wer ist der König der Ehren?“, so fragt der Beter des 24. Psalms. Wer ist der, auf den wir hoffen, dem wir zutrauen, dass er uns einen Weg zeigt, der weiterführt? Wer ist der, der „Heil und Leben mit sich bringt“. Der uns sagt, wie wir leben können in dieser Welt, in dieser Zeit, trotz allem – miteinander und mit uns selbst.
Wir hören dazu das Evangelium für den 1. Advent. Matthäus schreibt im 21. Kapitel, 1-9:
Kurz vor Jerusalem kamen sie zu der Ortschaft Betfage am Ölberg. Dort schickte Jesus zwei Jünger fort mit dem Auftrag: »Geht in das Dorf da drüben! Gleich am Ortseingang findet ihr eine Eselin und ihr Junges angebunden. Bindet beide los und bringt sie zu mir! Und wenn jemand etwas sagt, dann antwortet: 'Der Herr braucht sie.' Dann wird man sie euch sofort geben.«
Damit sollte in Erfüllung gehen, was der Prophet angekündigt hatte: »Sagt der Zionsstadt: Dein König kommt jetzt zu dir! Er verzichtet auf Gewalt. Er reitet auf einem Esel und auf einem Eselsfohlen, dem Jungen eines Lasttiers.«
Die beiden Jünger gingen hin und taten, was Jesus ihnen befohlen hatte. Sie brachten die Eselin und ihr Junges und legten ihre Kleider darüber, und Jesus setzte sich darauf. Viele Menschen aus der Menge breiteten ihre Kleider als Teppich auf die Straße, andere rissen Zweige von den Bäumen und legten sie auf den Weg.
Die Menschenmenge, die Jesus vorauslief und ihm folgte, rief immer wieder: »Gepriesen sei der Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen Herrn! Gepriesen sei Gott in der Höhe!«
Der König kommt und reitet auf einem Esel. Ein König nicht von dieser Welt. Einer, der ganz anders auf die Dinge schaut, die auf dieser Welt sonst so wichtig sind. Einer, der für etwas anderes steht als für Macht, Erfolg und Privilegien. Er zeigt schon mit seinem Auftritt: „Oben und unten gibt es für mich nicht. Ich komme nicht zu den Mächtigen, nicht zu denen, die vermeintlich auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ich komme zu den Menschen, die voller Sehnsucht sind, die auf Heilung, auf Gerechtigkeit und Frieden hoffen. Ich will euch allen begegnen, so wie ihr seid, will euch zeigen und schenken, was ihr braucht.“
Er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron' ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all uns're Not zum End' er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.
O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat!
Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein!
Er ist die rechte Freudensonn', bringt mit sich lauter Freud' und Wonn'.
Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.
Und das Beste ist: Ihr müsst nichts dafür tun, keine besondere Leistung erbringen, damit dieser König zu euch kommt. Nur eins ist entscheidend: Öffnet eure Türen für ihn. Vor allem die wichtigste Tür – nämlich die zu euren Herzen.
All eure Adventskerzen, Kränze und Lichterketten, alle wohlklingenden Lieder und Gedichte bleiben leer und kalt, wenn ihr nicht bereit seid, euer Herz diesem König zu öffnen. Der König, der das müde, sorgenvolle Herz erfüllen, der Heil und Leben hineinbringen will. Er wird damit uns und unser Leben verwandeln auf eine Weise, die wir vielleicht nicht einmal zu träumen gewagt hätten.
Das klingt zu sehr nach einer frommen und weltfremden Gottseligkeit? Nein, ganz bestimmt nicht! Wenn wir unsere Herzen dem König öffnen, den Gott gesandt hat, dann werden wir erleben, dass Wege sich öffnen, dass auf einmal sehr deutlich vor Augen steht, was wir tun können.
Denn dieser außergewöhnliche König verlangt keine Geschenke von uns, sondern er bringt ein kostbares Geschenk. Gottes lebenspendender Geist ist mit diesem König und kommt mit ihm zu uns. Und wo dieser Geist in uns wohnt, unser Denken und Handeln leitet, da öffnen sich immer wieder neue Perspektiven. Da weicht die Angst, die Schwermut, die Resignation. Da wachsen Liebe, Hoffnung und Zuversicht – auch und gerade in dunkler Zeit. Da wächst Seligkeit:
Macht hoch die Tür’, die Tor' macht weit, eu'r Herz zum Tempel zubereit't.
Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt auf mit Andacht, Lust und Freud’;
so kommt der König auch zu euch, ja Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad',
Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.
Christa Siemers-Tietjen
Emmaus-Kirchengemeinde