Andachten und Impulse

Wort zum Sonntag

Geistliche Impulse

Wort zum Sonntag Invokavit (22. Februar 2021)

Über Verrat und Liebe                                                                                                                                                

„Einer von euch wird mich verraten.“ sagt Jesus zu seinen Jüngern an seinem letzten Abend mit ihnen. Sie waren versammelt, um das Passahmahl zu feiern. „Der ist´s, dem ich den Bissen eintauche und gebe.“ heißt es im Johannes-Evangelium. (Johannes 13,21-30 ist Predigttext für den Sonntag Invokavit).  Die Jünger sind in Aufruhr. Auf dem berühmten Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci ist dieser Moment dargestellt. „Wer ist der Verräter?“ „Bin ich es?“ Diese Fragen spiegeln sich in den Gesichtern der Jünger wider.                                                                        Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden schaue ich gerne das Bild an zum Einstieg in das Thema Gemeinschaft und das Hl. Abendmahl. Das Bild hilft, sich der ungeheuerlichen Passionsgeschichte, Jesus Leidensweg ans Kreuz zu nähern. Jesus hatte es mehrmals seinen Jüngern angekündigt, dass er werde sterben müssen. Ihre Gemeinschaft würde zu Ende gehen. Aber das konnten sie nicht fassen und glauben.  Nun kündigte er an, dass er von einem aus der Gemeinschaft verraten werden würde.                                      

 Verrat – das ist der größte Vertrauensbruch überhaupt. Jemand bricht aus, verletzt die verabredeten Spielregeln einer Gemeinschaft, einer Beziehung, wechselt die Seite, verrät ein Geheimnis. Hochverrat, Landesverrat heißt es auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Spitzel kennen wir aus der Zeit der DDR-Regimes. Aber auch Ehepartner fühlen sich verraten, wenn sie betrogen werden. Kinder fühlen sich verraten, wenn Geschwister oder Freunde ein Geheimnis nicht bewahren konnten. Erinnern Sie sich (Ihr Euch) daran, wann Sie sich (Ihr Euch) mal verraten gefühlt oder jemanden verraten haben (habt). Als erstes fällt mir dazu ein: „Da will ich gar nicht (mehr) dran denken.“ Das sind böse Erinnerungen, die immer noch weh tun.

Auch die Passionsgeschichte besteht aus Geschichten, die wehtun. Sie erzählen von Jesu Leidensweg und seinem Tod am Kreuz. Der heutige Sonntag Invokavit ist der erste von 6 Sonntagen in der Passionszeit, in der wir uns an diese Geschichten erinnern.                                                                                               

   Die Geschichte von der Ankündigung des Verrats in der Version des Evangelisten Johannes macht in diesem Jahr den Anfang. So sind wir in der Passionszeit eingeladen, den Schattenseiten des menschlichen Zusammenlebens nachzugehen. Neben Verrat zählen ja z.B. Machtstreben, Egoismus und Gewalt dazu. Sie gehören zur Kehrseite der Liebe.

Was Liebe bedeutet, haben wir durch Jesus und die Gemeinschaft mit seinen Jüngern, durch die Geschichten im Neuen Testament erfahren. Es gibt Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Die Liebe ist der Weg zu Vergebung und Versöhnung. Ihre Bedeutung wird nur erfassen, wer auch die Kehrseite kennt.                                                                                    „Einer von euch wird mich verraten.“ sagt Jesus zu seinen Jüngern und jeder fühlt sich angesprochen. „Bin ich es?“ Denn die Jünger wissen wohl um die Schattenseiten eines jeden Menschen und wie Beziehungen und Leben durch sie zerstört werden können.                                                                                    

Es gibt eine Legende zu der Entstehung des Abendmahlsbildes von L. Da Vinci, die davon erzählt. Der Maler hatte für die Gesichter der Jünger Menschen aus Mailand als Modelle ausgesucht. Am Ende fehlten ihm nur noch die Gesichter von Jesus und Judas. Für Jesus fand er einen jungen Mann, „aus dessen Antlitz eine durchscheinende, beinahe jenseitige Reinheit leuchtete“. Bis er dann ein Modell für Judas fand, vergingen viele, viele Jahre. Dann fand er „einen Mann mittleren Alters mit zerquälten Zügen und Augen, die nichts mehr erwarteten“. Als er ihn fertig gemalt hatte, sagte dieser Mann zu ihm: „Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt. Ich habe dir vor langer Zeit schon einmal Modell gesessen.“ und er zeigte auf das Gesicht von Jesus.                       

Die Legende weiß von der Spannung in uns Menschen, von den guten Seiten und den Abgründen im menschlichen Leben und scheut sich nicht, diese mit Jesus und Judas in Verbindung zu bringen.  „Eigentlich müsste Judas heiliggesprochen werden.“ schrieb Walter Jens, ein Philosoph und Schriftsteller. Ohne ihn wüssten wir nicht von Jesu Tod und Auferstehung. Ohne ihn gäbe es nicht die Verkündigung des Glaubens, dass die Liebe die stärkste Kraft ist, die den Tod überwindet. 

Anke Diederichs, Pastorin in Scharmbeckstotel und Ritterhude

Wort zum Sonntag Sexagesimae (7. Februar 2021)

Karneval, Fasching? – Das feiern wir hier wenig und Faschingssonntag ist auch noch nicht da. Dennoch. Fasching bildet ja eine Art „Zwischenzeit“,

schon wieder eine Zwischenzeit, ja, das gibt es immer wieder, diesmal im „Kirchenjahr“ zwischen der „Epiphaniaszeit“ und der Passionszeit.

Zudem sind wir in der Willehadigemeinde auch in einer Zwischenzeit:

am letzten Sonntag, 31. 1. haben wir Pastor Eckhard Gering in den Ruhestand verabschiedet – und in einer Woche, am 14. 2. wird Pastor Henning Mahnken in sein Amt hier eingeführt. Kurz durchatmen dazwischen. Und warum nicht ein bißchen Karneval.

Da werden „Büttenpredigten“, meist gereimt, gehalten. Was ist denn eine „Bütt?“, frage ich eine Schweizer Freundin, „ein Faß“, sagt sie und in wikipedia steht:

Die Bütte, die Butte, die Bütt, der Zuber oder das Schaff ist ein großes Gefäß von runder oder ovaler Form ohne Deckel. In der Regel sind diese Gefäße breiter als hoch. Bütten werden traditionell bei der Papierherstellung oder beim Weinbau verwendet.

Oder um Reden unterschiedlicher Art zu schwingen.

Worte. Die Macht von Worten. Zu Fasching ist komische, kritische, bissige Gesellschaftskritik besonders willkommen. Was ändert das? Vielleicht nicht viel, vielleicht einiges? Menschen wachen auf, kriegen auf einmal etwas mit, das sie nie bemerkt haben oder noch besser: beginnen zu denken, eigenständig und selbst zu denken.

Denn aus dem Staunen kommt das Fragen und das Denken. Worte können uns tief beeindrucken; uns manipulieren; uns trösten; uns aufmuntern und stärken. „Auf dein Wort hin“, sagt ein erfahrener Berufsfischer zu Jesus, der von Fischfang keine Ahnung hat, will ich – gegen jede Fischererfahrung – nochmal am Tage herausfahren und mein Netz auswerfen. Und das Netz wurde voll. Leben in Fülle auf Jesu Wort hin. Welch Kraft darin liegt!

 

Nicht jederzeit können wir gute Worte auch aufnehmen. Jesus erzählt dazu ein Gleichnis (Lukasevangelium 8, 4-8). Aber dann fällt auf einmal ein gutes Wort tief in unsere Seele – und bringt etwas in Bewegung in uns. Es fällt vielleicht damit eine lang getragene Last von uns ab – oder es kommt uns ein ganz neuer Gedanke – wir atmen auf –oder ein oder durch!

Immer wieder hat Gottes Wort Menschen bewegt, ihr Leben verändert oder Menschen gestärkt und getröstet. In einer Büttenpredigt 2020 (gekürzt und verändert) erzählt Pfarrer I. Maybach, Frankfurt/ Main von Gott und seinem Wort, das in immer anderer Form zu uns spricht, vom Himmelreich – und von Narren.

Liebe Gemeinde, ich sag es euch gleich:

Den Narren gehört das Himmelreich.

 

Das heißt: wenn wir rechte Narren sind,

nehmen wir Gottes Reich an, wie ein Kind,

das die Hände voll Hoffnung zum Vater hebt,

weil es aus seiner Liebe lebt.

 

„Vater unser im Himmel“, so beten wir schon

seit 2000 Jahren, weil damals sein Sohn

so zu beten lehrte. Doch: es ist auch nachzulesen,

daß Gott bereits anfangs nicht nur im Himmel gewesen.

 

Denn am Anfang schuf Gott Himmel und Erde

und das Licht: auf daß es heller werde.

Er schied die Wasser, den Tag von der Nacht,

hat Pflanzen, Tiere und Menschen gemacht.

 

Im Paradies kam es, daß wir Menschen mehr Erkenntnis wollten,

doch vom Baum der Erkenntnis nicht essen sollten.

Wir aßen dann doch; aus Neugier und weil:

der Wissensdurst ist halt von uns ein Teil.

So sind wir aus dem Paradies geflogen

und meinten, Gott habe sich vornehm zurückgezogen.

 

Weil Gott nun nicht mehr so nahe dabei,

hieß es fortan, daß er wohl im Himmel sei.

Wollte man mit ihm reden, was machte man da?

Hände und Herzen zum Himmel – Halleluja!

 

Die Probleme wuchsen seit Kain und Abel,

es gab Mord und Totschlag und den Turmbau zu Babel.

Gott sah: was so gut war, war gar nicht mehr gut…

Und zur Reinigung sandte er eine große Flut.

Als sich nach der langen Flut die Wolken verzogen,

stand am Himmel der erste wunderschöne Regenbogen.

Ihn gab Gott als Zeichen für seinen Bund der Treue,

daran sich jeder von Noah bis heute freue!

 

Es gibt noch viele andere alte Geschichten,

sind sie nicht veraltet? – nein, mitnichten!

Sie sprechen mitten in unser Leben hinein –

und so soll es sein.

 

Liest du mal alle Psalmen, weißt du, wenn du fertig bist,

daß Gott überall gegenwärtig ist,

selbst wenn man unter die Erde geht, wie es in Psalm 139 steht.

 

In Psalm 121 wiederum hebt

ein Beter, der fest im Glauben lebt,

seine Augen zu den Bergen empor:

Hilfe, Hilfe kommt mir woher?

Hilfe kommt von Gott, der alles Leben ernennt,

so wird es sichtbar und man erkennt:

Gott ist mit seinem Wort in seiner Schöpfung präsent.

 

Wer das erlebt, der ist gut dran,

der spürt Gottes Nähe – vielleicht auch nur dann und wann-

und er kann zuversichtlich vor Gott hintreten

und für alles umfassend beten.

 

Es geht nun darum, dazu beizutragen, daß hier, auf der Erde,

Gottes Reich heute schon sichtbar werde.

Denn es ist noch nicht da, hat aber längst begonnen

und, ich sag es euch klar: nicht nur für die „Frommen“!

 

Wie das Himmelreich ist, hat uns Jesus geschildert,

mit Geschichten und Gleichnissen hat er es bebildert.

So ist zum Beispiel das Himmelreich

einem winzig kleinen Senfkorn gleich.

Erst wird es gesät in die Erde

auf daß daraus eine Pflanze werde.

Und mit Gottes Hilfe wächst es dann

so hoch, daß es Schatten gibt und Vöglein Schutz bieten kann.

 

Wir hören das Gleichnis und lernen daraus:

In kleinen Schritten breitet der Himmel sich aus.

Es fängt bei einem jeden an,

daß Gottes Reich weiter wachsen kann.

 

Es geht um unsere Mitarbeit

für Frieden, Liebe und Gerechtigkeit.

Die Kraft dafür ist in Gott schon da:

und es bleibt doch immer ein Wunder, das ist ja klar.

 

Und Samen sät Gott reichlich aus

sein Wort an allen Orten, auch in diesem Haus,

viele helfen mit und sagen es weiter,

nur – überall geht es nicht auf – lei(t)der!

 

Es ist ein – oft mühsamer! - Weg in kleinen Schritten

und wir dürfen jederzeit Gott um Hilfe bitten.

Die kleinen Schritte fallen auch nicht immer leicht

manchmal scheint es, daß man gar nichts erreicht.

Manchmal erntet solche Arbeit auch nur Spott:

„Ihr macht euch zum Narren für den lieben Gott!“

 

Liebe Gemeinde, ich sag es euch gleich:

Solchen Narren gehört das Himmelreich!

Sie hießen oft Narren, die, die zu Jesus kamen:

 Füße fest auf der Erde und Herzen im Himmel – Halleluja – Amen!

 

Pastorin Susanne Bömers, St. Willehadi

Wort zum Sonntag "letzter nach Epiphanias" (31. Januar 2021)

Liebe Gemeinde!

„Es war einmal vor langer Zeit...“ – viele vertraute Märchen beginnen so, und wir alle wissen, was die Geschichten erzählen. Es geht um harte Schicksale, ungerechte Tyrannen, Liebe voller Hindernisse. Aber meist gibt es dann eine wunderbare Wendung – der Sieg des Guten und der Gerechtigkeit über das Böse und Gehässige. Der mutige Held gewinnt die Gunst der Königstochter; das arme Mädchen bekommt den Prinzen zum Mann…

 

Auch eine Geschichte der Bibel könnte wie ein Märchen beginnen: Es war einmal vor langer Zeit... ein Volk, ein Gott, eine Heilung, ein Wunder – auch das kennen wir und wissen, was biblische Geschichten erzählen. Oft handeln sie von Menschen, die etwas Besonderes mit ihrem Gott erlebt haben. Nicht immer nur Freundliches und Rettung, auch Kummer, Zorn und Enttäuschung sind dabei. Und nicht selten bleibt unerklärlich, wie scheinbar Unmögliches dann doch wahr wird. Wie aus Zweifel und Ablehnung fester Glaube wächst, wie aus Unterdrückung und Perspektivlosigkeit Freiheit und Segen wird.

 

Bibel und Märchenbuch in einem Atemzug?! Das kenn ich durchaus von meinen Konfirmand*innen und Konfirmanden. Aber schon in biblischer Zeit haben sich die ersten Christ*innen dafür rechtfertigen müssen, wenn sie von ihren Glaubenserfahrungen berichteten. Und nicht selten wurde ihnen entgegengehalten: „Erzählt mir doch kein Märchen! Da ist doch viel zu fantastisch, um wahr sein zu können.“

Eine Verteidigung auf solche Vorwürfe finden wir in Predigttext für den letzten Sonntag nach Epiphanias. Im 2. Petrusbrief, Kapitel 1, 16-19 lesen wir:

Wir haben uns keineswegs auf geschickt erfundene Märchen gestützt, als wir euch ankündigten, dass Jesus Christus, unser Herr, wiederkommen wird, ausgestattet mit Macht.

Vielmehr haben wir ihn mit eigenen Augen in der hohen Würde gesehen, in der er künftig offenbar werden soll.

Denn er empfing von Gott, seinem Vater, Ehre und Herrlichkeit - damals, als Gott, der die höchste Macht hat, das Wort an ihn ergehen ließ: »Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt.«

Als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren, haben wir diese Stimme vom Himmel gehört.

Dadurch wissen wir nun noch sicherer, dass die Voraussagen der Propheten zuverlässig sind, und ihr tut gut daran, auf sie zu achten. Ihre Botschaft ist für euch wie eine Lampe, die in der Dunkelheit brennt, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns eure Herzen hell macht.

 

Ja, es sind nicht nur in unserer Zeit etliche, die Schwierigkeiten haben mit den unglaublichen Dingen, die vom Sohn Gottes überliefert sind: Wasser in Wein verwandeln, Kranke heilen nur durch Zuspruch und Handauflegen, sogar Toten wieder zum Leben erwecken. Wie sollte das gehen?!

Zweifler und Spötter, die gab es auch schon damals. Und je mehr Zeit vergangen war, desto blasser wurde die direkte Erinnerung an den Menschen Jesus. Genau deswegen sagt Petrus: Es ist kein Märchen, sondern Wirklichkeit. Wir haben ihn gesehen. Was euch vielleicht märchenhaft erscheint, das haben wir, seine Freunde und Weggefährten, miterlebt und können es bezeugen.

 

Und so wie Petrus haben auch andere ihre Erlebnisse weitererzählt. Sie haben immer wieder berichtet, was sie beeindruckt hat in der Begegnung mit diesem Jesus aus Nazareth. Sie waren ganz dicht dran – manche vom ersten Zusammentreffen bis zum bitteren Ende am Kreuz, einige sogar bis zur Erscheinung des Auferstandenen in ihrer Mitte. Sie haben miterlebt, dass Jesus nicht nur ein menschenfreundlicher und begeisternder Freund ist, sondern wirklich zu Gott gehört. Sie haben erfahren, dass er an all dem Anteil hat, was in den Bereich Gottes gehört – Licht, Würde, Macht – und dass er schließlich sogar den Tod überwunden und damit einen neuen Horizont eröffnet.

 

„Und wo ist nun der Unterschied zwischen einem Märchen und einer Glaubensüberzeugung?“ – so mögen kritische Geister jetzt fragen.

Ich denke, den Unterschied zwischen Glaubensüberzeugung und Märchen erkenne ich in der Wirkung, die beides auf mich hat. Ein Märchen lässt mich vom Guten träumen, es kann mich ablenken, meine Fantasie beflügeln. Ich höre es, freue mich, lasse mich für einen Moment mit hineinnehmen in eine andere Welt. Das kann nicht nur in dieser schwierigen Zeit etwas durchaus Wunderbares sein: einfach mal alle Sorgen und Schreckensmeldungen hinter mir zu lassen. Ein Märchen wie ein buntes Trostpflaster auf den Wunden des Lebens.

 

Doch ‚Glaube‘ wirkt da ganz anders. Er nimmt uns nicht aus dieser Welt heraus. Gerade weil ich an die Liebe Gottes und an das Geschenk des Lebens glaube; weil ich überzeugt bin von Jesu Wort und Tat, will ich die Gegenwart gestalten – jetzt und hier, mit allen mühevollen Herausforderungen. Gerade weil ich über die Grenzen dieser Welt hinaus hoffen darf, brauche ich mich vor den Aufgaben und Sorgen in dieser Welt nicht zu fürchten. Der Glaube ist da die Kraftquelle, aus der ich schöpfen darf.

 

Ein Märchen führt mich heraus aus meinem Leben, der christliche Glaube dagegen stellt mich mitten hinein. Ein Märchen vertröstet – der Glaube beflügelt.

Petrus berichtet vom Erlebnis der drei Jünger, die Jesus auf den Berg Tabor begleiteten. Johannes, Jakobus und Petrus hatten dort oben eine wunderbare Vision. Den Jüngern ist dabei deutlich geworden, dass in Jesus Gott selbst bei ihnen war, dass durch ihn Gott selbst redete und handelte. Diese Gewissheit gab ihnen die Gewissheit und Kraft, am Glauben festzuhalten – gerade auch in Zeiten von Anfechtung und Verfolgung. Ein bloßes Märchen hätte ihnen solche Kraft nicht geben können!

 

Und heute? So wie die Jünger zusammen mit Jesus auf den Berg steigen und dort göttliche Macht und Stärke erleben – das können wir natürlich nicht. Doch immer wieder gibt es eben Momente, in denen auch uns Jesu Kraft und Gottes Nähe spürbar werden. Und deshalb kann ich gut mit dem leben, was uns im Petrusbrief gesagt wird: All das, was über Jesus gesagt wurde, ist zuverlässig. Die Propheten hatten Recht. Und wir tun gut daran, auf ihre Worte zu achten. Ihre Botschaft ist für uns wie eine Lampe, die in der Dunkelheit brennt, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns unser Herz hell macht.

 

Ein schönes Bild! Gerade da, wo es so viele dunkler Ecken im Leben gibt. In der Welt um uns herum, aber auch im ganz persönlichen Bereich. Manchmal nehmen sie uns so sehr gefangen, dass uns der klare Blick verloren geht. Doch was Jesus mit seinem Licht in unser Leben bringt, kann manche dunkle Ecke ausleuchten – kann Angst vertreiben, Entscheidungen beflügeln, Gelassenheit und Zuversicht schenken. Wenn die Worte Jesu uns tief im Herzen bewegen, dann können auch wir mit unserem Reden und Handeln etwas von seinem Licht und seiner Herrlichkeit sichtbar machen. Und wenn andere dann zu uns sagen: „Das ist ja märchenhaft“, dann können sie sogar recht haben. Amen

 

Christa Siemers

Pastorin in der Emmaus-Kirchengemeinde

 

Wort zum Sonntag 3. nach Epiphanias (24. Januar 2021)

Für Ismet Tekin, den Besitzer des Döner-Imbisses, ist seit dem Attentat nichts mehr, wie es war. Er lag unter einem Auto. Über ihn pfiffen Kugel hinweg. Von vorne die des Attentäters, von der Seite die der Polizei. Er lag da und fürchtet um sein Leben, aber noch mehr um das seines Bruders. Der hatte ihn gerade aus dem Imbiss angerufen: „Jemand greift uns an, mit Waffen und Bomben.“ Als Ismet Tekin losrannte, kamen ihm von dort bereits flüchtende Bauarbeiter entgegen, die ihn warnten. Aber er lief weiter, kam bis zu dem bewussten Auto.

 

Ismet Tekin ist einer derjenigen, dem angeblich nichts passiert ist beim Attentat von Halle am 9. Oktober 2019. Auch sein Bruder Rifat kam mit dem Leben davon, im Gegensatz zum Malerlehrling Kevin Schwarze. Der war sein Gast im Imbiss; nach Auskunft des Attentäters sah er aus wie ein „Nahöstler“. Aber nur der Körper von Ismet Tekin ist unversehrt. Die Erinnerung raubt ihm den Schlaf und die Lebensfreude. Trotzdem nimmt er jeden Prozesstermin gegen Stefan B. wahr. „Ich werde es durchstehen bis zum Schluss“, sagt er. Er will wissen, wer den Attentäter angefeuert, wer ihm zum Attentat auf die Hallesche Synagoge applaudiert hat.

 

Ezra Waxman ist Jude. Am Tag des Attentats, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, befand er sich mit 51 anderen in der Synagoge. Der US-Amerikaner lebt in Berlin und forscht dort im Bereich Mathematik. Ein Wissenschaftler will verstehen. So fragte er Stephan B. während des Prozesses, ob er ihm erklären könne, inwiefern er, Ezra Waxman, als Jude einen „destruktiven Instinkt“ in sich trage. So hatte es der Angeklagte behauptet. B. antwortete: „Ich kenne Sie persönlich nicht.“ – „Eben“, sagte Waxman.

 

Ezra Waxman, der Jude, ist mittlerweile mit Ismet Tekin, dem Muslim, befreundet. Am Jahrestag des Anschlags, am 9. Oktober, haben sie gemeinsam Schabbat im Döner-Imbiss gefeiert. Und es soll nicht die letzte gemeinsame Feier gewesen sein.

 

„Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tische liegen werden im Reiche Gottes“ (Lukas 13,29) Der Spruch der vierten Woche des neuen Jahres kündigt Großartiges an – für das Ende der Zeit. Aber manchmal ist das schon heute so: Das Fest mit einem Fremden, ja einem potentiellen Feind. Was einigen wenigen Angst macht, bereichert viele andere. Und es geschieht, was der Predigttext des Sonntags beschreibt: Jüdische Männer heiraten moabitische Frauen. Und eine von denen wird einmal zu ihrer jüdischen Schwiegermutter sagen: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“ (Ruth 1,16).

 

Gert Glaser, Pastor in St. Willehadi Scharmbeck

Wort zum 2. Sonntag nach Epiphanias (17. Januar)

Weihnachten, das wunderbare Fest der Liebe liegt schon wieder mehr als 3 Wochen hinter uns. War es in diesem Jahr überhaupt wunderbar? Bei den ganzen Einschränkungen durch die Corona-Regeln? Mit den ganzen Sorgen und Ängsten? Für viele Menschen ist Weihnachten das wichtigste, höchste Fest des Jahres. Da hat man Zeit. Zeit, Menschen zu begegnen, sich zu beschenken, zu genießen: das Essen, die Gespräche, das Zusammensein. Die Sorgen und der Alltag werden für ein paar Tage vergessen. Weihnachten: einfach ein wunderbares Fest.                                                                                                               

Auch der Predigttext für den 2.Sonntag nach Epiphanias hat es mit einem Fest zu tun. Und mit einem Wunder. Es ist die Geschichte von der Hochzeit zu Kana, Johannes 2, 1-11.                                                                 

1.Es war eine Hochzeit in dem Ort Kana in Galiläa, am See Genezareth, und die Mutter Jesu war auch da. 2.Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit eingeladen. 3. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: „Sie haben keinen Wein mehr.“ 4. Jesus spricht zu ihr:“ Was geht es dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5. Seine Mutter spricht zu den Dienern: „Was er sagt, das tut.“ 6. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße (1 Maß = 40 l, 1 Krug = 100 l). 7. Jesus spricht zu ihnen: „Füllt die Wasserkrüge mit Wasser.“ Und sie füllten sie bis oben an. 8. Und er sprach zu ihnen: „Schöpft nun und bringt´s dem Speisemeister.“ Und sie brachten´s ihm. 9. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, wo er herkam – die Diener wussten´s, die das Wasser geschöpft hatten-, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10. und spricht zu ihm: „Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.“ 11. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Einer Hochzeitsgesellschaft geht der Wein aus. Das Fest droht zu platzen. Aber da ist die Mutter Jesu, die alles im Blick hat und ihren Sohn mit der besonderen Gottesbeziehung genau kennt. Der wird dafür sorgen müssen, dass das Fest weiter geht.  So beginnt der Evangelist Johannes über den Anfang von Jesu öffentlichem Auftreten zu erzählen. Jesus sorgt dafür, dass Wasser sich in Wein verwandelt und das Fest weitergehen kann.

Wie kommt die Geschichte bei uns an? Spaltet sie uns als Zuhörer und Nachdenkende in drei Gruppen? Die einen sagen „Das glaub´ ich nicht. Jesus ist kein Hexenmeister. Solche Wunder gibt es nicht“ Die anderen sagen „Doch, das muss man einfach glauben. Gottes Sohn vollbringt Wunder, die man nicht erklären kann und darf. Man muss sie einfach glauben.“ Und die Dritten begreifen die zeichenhafte Sprache von Johannes, und was er damit über den Glauben an Gott, der Mensch wurde in Jesus Christus, erzählen wollte.   

So wie die Frau, die erzählt: „Lange bin ich wie ein Krug Wasser vor der Tür gewesen, wenn ich mich selbst in der Geschichte sehe. Gebraucht zum Reinigen und zum Erfrischen. Ich war für andere da, als Mutter, als Ehefrau, als Ehrenamtliche. Wasser ist für alle da. Wasser ist lebensnotwendig. Ich war für alle da. Ich wurde gebraucht. Aber das war nicht das Leben für mich. Wer war ich? Der Glaube an Jesus, ja, Jesus hat mich verwandelt. In einem mühsamen Prozess habe ich meine Gefühle entdeckt und ernstgenommen, gerade die dunklen und chaotischen wie Wut und Leidenschaft, Zorn und Trauer, und ich wurde verwandelt. Wie Wasser zu Wein. Heute erlebe ich mich wie ein Krug Wein auf dem Fest des Lebens.“ Das bewirkt Glauben, das Vertrauen in Gott.

Glaubenssprache ist Zeichensprache. „Gott hat mich in die Zange genommen, aber ordentlich! Und ich hatte es sehr nötig!“ So sprach eine ältere Dame während einer kurzen Begegnung und liess mich mit Fragen zurück. Hatte sie wirklich erst im Alter durch eine schwere Krankheit die Lebendigkeit Gottes erfahren oder vielleicht wieder nach einer langen Zeit ohne Gott. Man kann auch gut ohne einen Gedanken an Gott leben. Wie die Gäste auf der Hochzeitsfeier. Sie fragten nicht nach der Herkunft des Weins. Sie feierten einfach weiter. Nur die Diener und die Jünger Jesu sahen, was Jesus tat.

Aber, was tat er? Zuerst meckerte er seine Mutter an. Es ist nicht gesagt, welche Rolle sie auf dem Hochzeitsfest spielte. Vielleicht war sie da als helfende Hand. Sie hatte jedenfalls den Überblick. Der Wein ging aus. Ohne Wein wäre das Fest zu Ende gewesen. Maria wusste sich zu helfen. Sie wusste um Jesu besonderen Auftrag, wusste, dass er als Gottessohn Wunder bewirken kann. Jesus reagierte abwehrend: „Was geht es dich an, Frau, was ich tue. Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“

Die Mutter ließ sich nicht beirren. Sie vertraute auf Jesus und sagte zu den Dienern: „Was er sagt, das tut.“ Das ist der Mittelpunkt der Geschichte. „Vertraut auf sein Wort!“ Und was sagte Jesus? „Füllt die Wasserkrüge mit Wasser!“ Das war Alltagsarbeit, das Füllen der riesigen Wasserkrüge, die an jedem Hauseingang standen. Für die Gäste zum Reinigen und Erfrischen, zum Füße waschen. Während des Festes waren wohl auch sie leer geworden. Sie mit Wasser zu füllen, das war richtig Arbeit. Da mussten die Diener viele Male laufen. Zum Bach oder zum Brunnen. Eine richtige Schlepperei. Eigentlich nichts Besonderes. Sie mussten nichts Unmenschliches vollbringen, damit das Fest weitergehen konnte. Sie erledigten quasi ihre Alltags- Aufgabe. Wasser holen macht nicht unbedingt Spaß und kann auch anstrengend sein, aber es macht das Leben erträglicher. Heute sagen wir dazu: Die Diener sind systemrelevant. So wie die Menschen, die die Lieferketten am Laufen halten. Damit in Corona -Zeiten Keiner Hunger, Durst und Mangel erleiden muss.

Das Wasser wurde aus den Wasserkrügen in Weinkrüge umgefüllt. Der Speisemeister prüfte und schmeckte besten Wein. Das Fest war gerettet. Man kann das Wunder nicht erklären, aber wir alle haben Erfahrungen im Leben gemacht, für die dieses Bild vom Wasser, das zu Wein wird, für uns verstehbar und erfahrbar geworden ist. Lebensnotwendiges Wasser wird zu einem kostbaren Getränk. Wer hat sich nicht schon mal durstig über ein Glas Wasser gefreut oder hungrig über ein einfaches Butterbrot? Wenn Hunger und Durst gestillt werden, wenn Mangel gestillt wird, wird das Leben zum Fest. Gott will, dass wir das Leben schätzen und genießen. Jesus will, dass das Fest weitergeht. Wenn man sich bemüht, wenn man nicht aufgibt, wenn man für den Alltag sorgt, dann können Wunder geschehen. Dann kann das Fest des Lebens weitergehen. Das erzählt die Geschichte von der Hochzeit zu Kana.

Das Corona-Virus hat die Welt in der Zange, fest im Griff. So viele Feste konnten nicht gefeiert werden. So viele Künstler erleben sich als systemirrelevant. Viele Menschen müssen viel Wasser schleppen, um den Alltag erträglicher zu machen. Diszipliniert sein, einen Rhythmus finden. Was für eine Herausforderung für die Pflegenden. So viele müssen dafür sorgen, dass andere die Krankheit durchstehen können. Was für eine Herausforderung für die Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita oder in die Schule schicken können. Was für eine Herausforderung für die Kinder und Jugendlichen auf ihre sozialen Kontakte zu verzichten. Man kann schon sagen: was für eine elende Wasserschlepperei ist das mit den Corona-Regeln zu leben.

Viele erzählen aber auch von positiven Dingen. Wie sie lernen, das kleine Glück zu entdecken und zu schätzen.- „Vielen Dank! Es war sehr schön!“ sagte unser Gast am Ende des Geburtstagsbesuchs. „Ich habe lange nicht mehr so viel gelacht. Das haben wir wohl Corona zu verdanken.“ Wir hatten nur in kleiner Runde zusammengesessen und uns tatsächlich viel zu erzählen gehabt und viel gelacht. `Wie wunderbar, diesen Dank zu hören´, dachte ich nur. Denn ich gehöre leider nicht zu denen, die Witze erzählen können und gute Stimmung machen. Die Fröhlichkeit war einfach entstanden.

Wunder können immer wieder passieren. Auch in Corona-Zeiten. Für uns Christen sind sie Geschenke von Gott. So wie unser Leben ein Geschenk von Gott ist, der uns in Jesus gezeigt hat, wie wir miteinander leben können.

Mit einem Gebet (Lied EG 557) möchte ich schließen: „Unser Leben sei ein Fest, Jesu Geist in unserer Mitte, Jesu Werk in unseren Händen, Jesu Geist in unseren Werken. Unser Leben sei ein Fest an diesem Morgen und an jedem Tag.    Amen.

Anke Diederichs,                                                                                                                                                    Pastorin in Scharmbeckstotel und Ritterhude

Wort zum 1. Sonntag nach Epiphanias (10. Januar)

Capitol Hill und Rom

 Die Bilder aus dieser Woche vom Sturm auf das Kapitol in Washington stehen wohl allen vor Augen. Sie zeigen: Worte entfalten Wirkungen. Das gilt besonders für Worte von prominenten Personen. Hier ist es am Beispiel des scheidenden US-Präsidenten deswegen zu Recht gescholten worden. Aber: Warum geschieht es erst jetzt so deutlich? Weil alle wissen: Er ist nicht wiedergewählt? Wir müssen nicht länger mit ihm klarkommen?

 

Das Aufheizen, Aufpeitschen mit Worten geschieht immer wieder. Es ist eine Form der Verführung. Deutlich ist der Unterschied zu anderen Worten. Denn hier werden die Worte nicht mehr genutzt, um zu argumentieren und zu überzeugen, was völlig in Ordnung wäre, sondern hier wird manipuliert, hier werden Menschen zu Instrumenten gemacht. Leider werden dafür auch religiöse Aussagen missbraucht. Möglichkeiten dazu bietet neben anderen Texten auch die Bibel.

Der Predigttext für den 10.01.2021 gehört dazu. In dieser Hinsicht ist er gefährlich. Dafür muss er falsch verstanden und aus dem Zusammenhang gelöst werden. Dann jedoch könnte er als Aufruf zu religiösem Fanatismus oder gar zu Selbstmord-attentaten verstanden werden.

Paulus hat ihn so nicht gemeint. Aber in Zeiten des Terrors sind wir sensibel geworden für problematische Wendungen. Wenn Begriffe wie: „Opfer“, „das ganze Leben Gott zur Verfügung stellen“; oder Sätze wie: „Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat.“, „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an“ auftauchen, kommen schnell Gedanken an Terror und Anschläge in Erinnerung. Natürlich werden solche Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und als Einzelaussage verabsolutiert, was gänzlich unangemessen ist.

Sie stellen in dieser Form brisante Aussagen in unserer Zeit dar.

Noch einmal: So sind diese Aussagen von Paulus nicht gedacht und gemeint!

Es zeigt uns jedoch: Selbst eine zentrale Schrift des Neuen Testaments lässt sich also für solche Zwecke missbrauchen. Wir reden hier vom Römerbrief, Kapitel 12. Die gute Kenntnis der Religion verhindert dann aber den Erfolg solcher Aktivitäten, und natürlich zufriedene Menschen, die ebenfalls weniger empfänglich für derartige Hetzparolen sind.

Wollen wir Paulus gerecht werden, gilt es natürlich den Zusammenhang zu beachten, und zwar in diesen Versen und im Römerbrief insgesamt.

Zunächst ist die Voraussetzung zu beachten, von der Paulus hier ausgeht: Das  Erbarmen Gottes. Gottes erbarmendes Handeln an mir geht allem voraus, was ich tun kann. Dazu setzt sich Paulus früher im Römerbrief ausführlich mit Sünde und Vergeben auseinander und erklärt Christen: Wir sind Auserwählte Gottes. Erst deswegen werden die Christen von Paulus an dieser Stelle (Kapitel12!) aufgefordert, mit entsprechendem Handeln dieser Erwählung und solchem Erbarmen Gottes zu antworten.

Brüder und Schwestern, weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst. [Römerbrief 12,1; Übersetzung: Gute Nachricht Bibel]

Es geht Paulus um die Reaktion von uns Christen auf das vorausgehende Handeln Gottes: sein Erbarmen, sein Erwählen, seine Gnade. Diese Reaktion, also meine Antwort betrifft ganze Leben, darum geht es Paulus. Gemeint ist der Besuch des  Gottesdienstes, das Treffen mit anderen Menschen in der Gemeinde (natürlich jenseits der Coronazeiten). Auch alle anderen Lebensbereiche gehören dazu. Nichts ist auszuschließen. Denn überall soll man mir anmerken, dass ich ein Christ bin: in der eigenen Familie, beim Einkaufen, bei der Arbeit, im Straßenverkehr – wo auch immer! Kein Lebensbereich bleibt ausgeklammert. Tatsächlich das ganze Leben soll es zeigen: Wir Christen leben aus Geist Gottes und der Verbindung zu Gott.

Natürlich ist das nicht immer einfach. Zudem erfordert es Standfestigkeit und bedeutet: Ich muss (jedenfalls teilweise) gegen den Zeitgeist und die gerade schicke Meinung meine eigene Überzeugung benennen und mit eigenen Taten bekräftigen, eben mit ganzem Leben für Glauben einstehen.

Und wenn es nicht gelungen ist? Wenn ich merke: Hier habe ich eine Chance verpasst oder nicht den Mut gehabt, den Mund aufzumachen und zu protestieren, etwa gegen Stammtischparolen, die sich gegen Ausländer oder Flüchtlinge richten? Dann ist das schade und menschlich zugleich. Paulus kennt auch dieses, und vielleicht besser als viele andere: Wir sind und bleiben auf die Vergebung Gottes angewiesen. Im 7. Kapitel setzt er sich mit Macht der Sünde auseinander und schreibt dabei: Wir bringen es zwar fertig, uns das Gute vorzunehmen; aber wir sind zu schwach, es auszuführen. Wir tun nicht das Gute, das wir wollen, sondern gerade das Böse, das wir nicht wollen. [Römerbrief 7,18 und 19; Übersetzung: Gute Nachricht Bibel]

Paulus kennt auch das Scheitern. Aber mit Gottes Unterstützung, mit seinem Geist wird uns gelingen, was richtig ist und dem Glauben gemäß. Darüber hinaus und daneben sind und bleiben wir immer erneut auf Vergebung angewiesen.

Paulus ist also daran gelegen zu zeigen: Wenn wir als Christen von Gott begeistert sind, dann wird man uns dieses anmerken. Dann stellt die Frage nach Gottes Willen keine mühsame Pflicht dar, sondern ist Herzensanliegen. Wir werden vom Geist Gottes mitgerissen und in Bewegung gesetzt. Dabei bildet die Liebe zu Gott und zum Nächsten das wichtigste Kriterium. Das verhindert dann auch mit Sicherheit Missverständnisse, weil diese Liebe Hass in jeder Form entgegentritt.

So möge uns Gott Umsicht und Mut geben, nach seinem Willen zu fragen und zu leben, und schenke uns dazu die Gegenwart seines Geistes.

Georg Ziegler, Pastor

Wort zum Jahreswechsel

Haben sie im Lockdown Briefe geschrieben?

Ist es ihnen gelungen, frohe, optimistische, mutmachende Worte zu finden?

Worte, über die sich der Empfänger einfach freuen kann – weil er ermutigt wird, Trost spürt? Wer hat mächtige Worte gefunden, die tragen?

Ich fürchte, meine eigenen Weihnachtskarten, waren nicht wirklich kraftvoll.

Dank und Freude findet man darin nicht so viel – aber immerhin viele gute Wünsche für das neue Jahr. Die eigene, etwas graue Befindlichkeit hat sich immer eingeschlichen. Und wie war das bei ihnen? 

 

Der Predigttext für heute sind ein paar Zeilen aus einem Brief aus dem Lockdown.

Aus einem nicht unbedingt fröhlichen, aber sehr frohen Brief. Aus einem Brief, in dem einer dankt, singt und Gott lobt - und nur am Rande ein wenig klagt.

In dem die Lockdown Stimmung durchklingt, aber nicht zum Thema wird.

Denn der Autor will ganz viel von dem schreiben, was ihn trägt.

Philipper 4,10-13

10Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen; ihr wart zwar immer darauf bedacht, aber die Zeit hat's nicht zugelassen.

11Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie's mir auch geht. 

12Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; 

13ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

Paulus schreibt diesen Brief aus dem Gefängnis, wahrscheinlich in Ephesus, in dem er wegen des Aufruhrs um seine Predigt von Christus festgehalten wurde.

Es ist nicht unser Lockdown zum Schutz vor der Ausbreitung einer Infektion.

Er ist wirklich und wahrhaftig eingeschlossen. Lockdown.

Und ich will nicht seine und unsere Situation vergleichen. Aber ich finde der Brief spricht noch deutlicher in unsere Zeit hinein, wenn man sich bewusst macht, was Paulus gerade durchmacht, als er diese Zeilen schreibt.

Denn er hat einen Brief geschrieben, der ganz anders von Freude spricht, als wir es kennen. Freut euch in dem Herrn allewege, freut euch! Mit Zuversicht beginnt der Brief und mit Zuversicht endet er.

In diesen Zeilen wirkt er zwar eher abgeklärt, ruhig und gelassen. Und doch: Hocherfreut und dankbar ist der Ton, den Paulus anschlägt – trotz Gefahr fürs eigene Leben. „Ich freue mich“ schreibt er an die Gemeinde in Philippi, die er gut kennt. Er freut sich über ihren Glauben, ihren Eifer und auch ihre Unterstützung für ihn. Und schaut geduldig auf seine Situation: Ich kann in Überfluss leben und im Mangel, kann in Gesellschaft leben und allein. Denn:

Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, der mir Kraft gibt.

Dieser Satz hat es mir angetan. Da ist einer, der ihn mächtig macht, mitten im Einschluss. Jesus Christus ist das, in dessen Dienst Paulus unterwegs ist.

Jesus, der als Kind geboren wurde, das Leben eines Menschen teilte, feierte, liebte, heilte und getötet wurde. Und auferstand.

Paulus sagt: Durch ihn vermag ich alles. Er macht mich mächtig.

Paulus ist nicht größenwahnsinnig geworden, wie manch Mächtiger, der viel mehr zu befehlen hatte und hat.

Paulus weiß:  – ich kann nicht alles. Zum Beispiel kann ich mich nicht aus dem Gefängnis entlassen, kann diese Situation nicht beenden.

Ich kann nicht alles tun, was ich gerade gern möchte.

Und ich kann auch nicht über die Grenzen meines Lebens verfügen.

Aber: Ich vermag alles, was das Leben mir bietet, zu nehmen durch den, der mich mächtig macht. Ich kann damit umgehen, ich kann darin leben: egal wie die äußeren Umstände sind, ich bin nicht allein. Und mein Leben ist wertvoll auch in meinem Lockdown.

Mich erinnert das an die Briefe, die der Pastor Dietrich Bonhoeffer 1944-45 aus dem Gefängnis heraus seiner Familie und seinem Freund geschrieben hat.

Auch er hat ihnen gezeigt, dass er im Gefängnis, so schwer es war, nicht nur gewartet hat, bis es vorbei ist, sondern gelebt hat. Leben mit allem: mit Sehnsucht und Erschütterung und Angst, aber auch mit der Erfahrung von Liebe und Hoffnung. Im Gefängnis hat er sich verlobt.

Auch er hat die Zeit nicht nur verrinnen lassen, sondern hat die Zeit in die Hand genommen, um zu lesen, zu schreiben, zu beten, zu singen, Gedichte zu lernen, Briefe zu schreiben.

Und auch er tat das aus dem Geist von Jesus Christus, der ihn mächtig machte.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Paulus spricht davon, wie er unabhängig wird durch diese Macht. Und auch Bonhoeffer spricht von der heiteren Gelassenheit, die andere im Gefängnis an ihm wahrnehmen; und beide wissen sehr wohl auch um die dunkle Seite, kennen Angst und Verzweiflung und Einsamkeit.

Darum sind auch die Adressaten der Briefe wichtig. Oder besser noch: der Austausch, das Getrennt- und doch Zusammensein. Mächtig in Gott sind sie nicht in sich allein, sondern gerade darin, dass sie mit andern verbunden sind. Die Philipper haben für Paulus gesorgt in der Gefangenschaft. Die Familie Bonhoeffers hat Briefe geschrieben, Päckchen geschickt, auch mal Blumen und Bilder.  

Ich habe vorhin gesagt, dass ich die Situation von Paulus und auch die von Bonhoeffer nicht mit uns vergleichen möchte. Unser Lockdown verläuft für die meisten mit einem Zuhause, im Warmen, mit Gutem zu essen. In dem uns doch vieles an Gemeinschaft schmerzlich fehlt.

Etwas in unsere Situation mitnehmen und fruchtbar werden lassen können wir aus den Briefen der beiden aber doch.

Dass wir uns besinnen auf die guten Mächte, die uns umgeben und bergen.

Darauf, dass wir Kraft bekommen von Gott, der für uns da ist.

Wir können an das Gute denken. Nicht vor allem klagen, sondern der Freude einen Raum geben – welch schöne Musik hören wir heute, welche guten Worte haben wir einander in den vergangenen Tagen gesagt!

Da ist vieles, was uns trägt. Und auch wir erfahren Ängste, Sorgen und Leid. Gerade dort hilft es, sich die Verbundenheit in Gott vor Augen zu führen.

 

Das wir vieles können aus der Kraft dessen, der uns mächtig macht – das wünsche ich uns für das neue Jahr. Auch wir können nicht alles ändern an den Umständen unseres Lebens. Aber auch wir können leben und nicht nur warten.

Geduldig bleiben und aufmerksam für die Nöte anderer. Da singen, wo es geht und danken, wo etwas gelingt und froh macht. Das ist ein guter, ein gesegneter Beginn des neuen Jahres.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Pastorin Birgit Spörl. Ritterhude