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Wort zum Sonntag

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Wort zum 1. Advent

Erster Sonntag im Advent (29.12.2020) Sacharja 9,9f.

"Der Adventsweg"

Es war ein eisig kalter Winterabend im Advent im Jahr 1623 in Königsberg.

Ein Vikar, der 33-jährige Georg Weissel,  war gerade neu nach Königsberg umgezogen, in seine neue Gemeinde. Er spazierte durch die Stadt und war ganz in Gedanken versunken - an seine Ordination, die in einigen Tagen stattfinden würde, am Adventssonntag. Seine Predigt war noch nicht fertig. Er wollte etwas schreiben, das die Menschen berührt, gerade in dieser Zeit, denn seit 5 Jahren war Krieg (aus seiner Perspektive jenes Tages im Dezember 1623 konnte er nicht wissen, dass man diesen Krieg im Rückblick den 30jährigen Krieg nennen würde...)

Wie könnte er die Menschen trösten? Er würde so gerne er in dieser düsteren kalten Zeit eine Festlichkeit und Wärme in den Gottesdienst bringen, eine Vorfreude auf Weihnachten. Doch eine wirklich zündende Predigtidee hatte er immer noch nicht gefunden.

Er ging eilig durch die Strassen. Er schlug seinen Mantelkragen hoch, hielt seine Mütze fest, denn es wehte ein starker Nordoststrom herüber von der nahen Samlandküste, der viel Schnee mit sich brachte. Er kam in die Nähe des Domes von Königsberg. Die Schneeflocken klatschten den Menschen auf der Strasse gegen das Gesicht, als wollten sie ihnen die Augen zukleben.  Er stemmte sich gegen den eisigen Wind und bewegte sich auf den Dom zu, und mit ihm strebten auch viele andere Leute Richtung Dom, um Schutz zu suchen.

An der großen Domtür stand der Küster. Freundlich und humorvoll öffnete er all den ankommenden Menschen die Tür mit einer tiefen Verbeugung und sagte:

'Willkommen im Hause des Herrn!"

Da strahlte der Vikar, denn es ging ihm ein Licht auf.

Da ist sie, die zündende Idee für Sonntag! Freudig bedankt er sich bei dem Küster:

«Sie haben mir eben eine ausgezeichnete Predigt gehalten!»

 

Um seine Idee schleunigst zu Papier zu bringen, eilte er im Schneesturm zurück zum Pfarrhaus. Es war bereits dunkel geworden. An der Haustür befreite er sich schnell von den eiskalten nassen Stiefeln und Mantel, setzte sich an seinen kleinen Holztisch, heizte den Ofen ein, zündete eine Kerze an und und schrieb im flackernden Lichtschein:

"Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier oder Tagelöhner! Sollen wir nicht hinausgehen auf die Strassen, an die Zäune und alle hereinholen, die kommen wollen? Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen."

Er schlug seine Bibel auf, und blätterte in jenen Texten, die dem Advent zugedacht sind.

Er blätterte im Alten Testament.

Da war der Psalm 24, den wir vorhin gehört haben:

"Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch".  Er blätterte weiter zum prophetischen Buch Sacharja 9,9f, unser heutiger Predigttext:

 

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und Du, Tochter Jerusalem, jauchze!

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. .... Er wird Frieden gebieten den Völkern..."

In seinem Studium hatte er auch gelernt, dass diese Szene im Neuen Testament im Matthäusevangelium Kap. 21 wieder aufgenommen und zitiert wird - denn Matthäus sah in Jesus die Erfüllung genau jener Prophetie: Jesus zog in Jerusalem ein, auf einer Eselin mit ihrem Füllen, und wurde als Friedensherrscher empfangen und bejubelt.

Er verknüpfte diese Adventstexte mit seinem Erlebnis. Fertig war die Predigt.

Aber nun war er in seinem kreativen Flow nicht mehr aufzuhalten. Er hatte die Eingebung, ein Lied zu schreiben und komponieren! Er schrieb, mit heissen Wangen, wie im Schreibrausch, die Worte:

 

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;

es kommt der Herr der Herrlichkeit,

ein König aller Königreich,

ein Heiland aller Welt zugleich,

der Heil und Leben mit sich bringt;

derhalben jauchzt, mit Freuden singt...

 

Vers auf  Vers fügte sich ein.

Es wurde eine lange Nacht. Im letzten Vers seines Liedes dichtete er:

 

Komm oh mein Heiland Jesus Christ

Meins Herzens Tür dir offen ist.

 

Seine neue Gemeinde liebte dieses Lied sofort.

So wurde es ein schöner und sehr adventlicher Gottesdienst, mitten im Krieg.

Dieses Lied ist auch heute noch das berühmteste Adventslied, das Lied Nr. 1 im Gesangbuch, der Beginn des Kirchenjahres, das heute am 1. Advent beginnt.

Und die Geschichte ging noch weiter.

Neben der Kirche wohnte der reiche Geschäftsmann Sturgis.  

Weil Kriegszeiten waren, hatte er sein Grundstück abgesichert und mit Toren abgeschlossen. Das Problem war allerdings:

Genau hinter seinem Grundstück befand sich das Armenheim und Hospiz von Königsberg.

Die armen und kranken Menschen und die Pfleger und Pflegerinnen, die dort lebten, konnten nun nicht mehr auf kurzem Wege in die Stadt oder die Kirche gehen. Sie mussten einen weiten Umweg nehmen. Sie dadurch abgeschnitten, sie hatten keine Möglichkeit mehr, am Gemeindeleben teilzunehmen.

Am vierten Advent ging der frisch ordinierte Pastor Weissel mit dem Kirchenchor zu Sturgis' Haus. Zahlreiche arme und gebrechliche Leute aus dem Armenhaus hatten sich ihm angeschlossen. Der junge neue Pastor stand nun also vor der Haustür seines reichsten Gemeindegliedes.  Er sprach davon, dass viele Menschen dem König aller Könige, dem Kind in der Krippe, die Tore ihres Herzens versperrten, sodass er bei ihnen nicht einziehen könne. Und dann fand er deutliche Worte:

«Heute, lieber Herr Sturgis, steht er vor eurem verriegelten Tor. Ich rate euch, ich flehe euch an bei eurer Seele Seligkeit, öffnet ihm nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern auch das Tor eures Herzens und lasst ihn demütig mit Freuden ein, ehe es zu spät ist.»

Dann sang der Chor das Lied:

«Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!

Es kommt der Herr der Herrlichkeit…»

 

Der Geschäftsmann stand da wie vom Donner gerührt.

Noch bevor das Lied verklungen war, griff er in die Tasche und holte den Schlüssel zum Tor heraus. Er sperrte die Pforten wieder auf und sie wurden nie mehr verschlossen.

Die Heimbewohner hatten ihren Weg zur Kirche wieder, der im Ort noch lange Zeit «Adventsweg» genannt wurde.

Hier hatten sich eine Menge Herzen weit aufgetan, mitten in der Not und Krise. Eine Vision wurde Wirklichkeit: Christus ist eingezogen in die Herzen, und die Menschen haben einander die Türen und Wege und Zugänge geöffnet. Sie haben sich für einander geöffnet.

Der reiche mächtige Herr Sturgis orientierte sich am Vorbild eines Herrschers, der seine Macht für die Machtlosen einsetzt. Der seine Privilegien loslässt, um anderen dienen zu können. Dies ist es, was einen Friedensherrscher ausmacht, so wie er in der prophetischen Vision in Sacharja 9,9 beschrieben ist.

Alle, die dabei waren, haben die Freude gespürt,  arme und reiche Menschen, mächtige und machtlose Menschen. Es ist die Freude der Empathie. Dieser Begriff bedeutet ja wortwörtlich: Mitleiden. Aber wenn man mitleiden kann, dann kann man mitfühlen, und sich eben auch mitfreuen.

Auch wir sind in diesem Advent 2020 in einer Krise, wenn auch eine andere als die des 30jährigen Krieges. Mich ermutigt diese wahre Geschichte, dass Advent in einer Krise sogar noch tiefer verstanden werden kann.

Anders als in dieser Geschichte sind wir nun in der Situation, dass wir Türen tatsächlich wieder abschliessen müssen und wir oft selbst vor verschlossenen Türen stehen, wo nur ein Zettel hängt, "wegen Corona bis auf Weiteres geschlossen". Aber gerade dann wird diese Sache mit der Herzenstür um so bedeutsamer.

In dem 30jährigen Krieg hatten die Menschen nun ständig unter Herrschern zu leiden, kleinen und großen, denen jedes Mitgefühl gern war.

Und damals wie heute hoffen wir auf Friedensherrscher. Auf Mächtige, die nicht die Konflikte anheizen, sondern zwischen den Gruppen vermitteln. 

Lügen, Manipulation und Gewalt können Herrschern zu Macht verhelfen, aber diese Konstrukte brechen meiner Meinung nach früher oder später wieder in sich zusammen. Sie tragen die eigene Zerstörung in sich. Wo die Liebe fehlt, da fehlt letztendlich die Energie, die alles zusammenhält.

Die Vision von Sacharja ist die Vision eines Herrschers, der Frieden wirkt, weil er Empathie hat mit den Menschen. Weil er für sie sorgt. So formuliert der Pastor in seinem Adventslied:

Er ist gerecht, ein Helfer wert;

Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,

sein Königskron ist Heiligkeit,

sein Zepter ist Barmherzigkeit;

 

Gemeint ist Christus.

Sanftmütigkeit ist sein Gefährt.

Es ist doch ein schönes Bild, sich mit Sanftmut durch die Welt zu bewegen wie in einem Gefährt.

Mit sanftem Mut fahren wir gut. 

Advent ist für mich die Hoffnung und Erwartung, dass sich dieser sanfte Mut durchsetzt.

Weil es eine mitreissende Kraft ist, wenn Menschen sich mit einander und vor allem auch für einander freuen können.

 

 

Vikarin Dr. Annerose De Cruyenaere

St. Johannesgemeinde Ritterhude

 

 

Wort zum Ewigkeitssonntag

Liebe Gemeinde!

Es ist Totensonntag. Es ist Ewigkeitssonntag. Beides.                                                                                               

Wir haben die Endgültigkeit des Todes vor Augen. Unser Leben ist begrenzt. Das ist so. Dafür steht der Totensonntag. Wir gedenken der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres. Sie sind endgültig von uns gegangen.

Aber es ist auch Ewigkeitssonntag. Er steht dafür, dass zum Leben Vertrauen gehört. Wir brauchen Vertrauen, um miteinander zu leben und Gott schenkt uns das Vertrauen, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Gott hofft, dass wir auf ihn vertrauen„Wie soll es bloß weitergehen?“ Das fragen wir Menschen uns an den Schnittstellen des Lebens: angesichts des Todes eines geliebten Menschen, angesichts einer plötzlichen schweren Krankheit, eines Unfalls oder einer Katastrophe. Das fragen wir uns, wenn das gewohnte Leben nicht mehr weitergehen kann. Es ist so schwer, das Gewohnte zu lassen, Abschied zu nehmen und sich auf die neue Lebenssituation ein zu lassen. Es ist so schwer, zu vertrauen, dass das Leben in neuen Bahnen weitergeht. Oft zu groß sind Skepsis und Zweifel. Tröstende und ermunternde Worte, Worte, die Vertrauen schaffen wollen erreichen mich nicht, können mir nicht zu Herzen gehen, weil das Herz fest ist. Es muss stark sein, um der Krise Stand zu halten. So ging es mir in der Zeit des endgültigen Abschieds von meinen Eltern. Ich hätte gerne geweint, aber dafür war keine Zeit und Gelegenheit. Stärke war gefragt. Und doch war mir in dieser Zeit eine Erinnerung gegenwärtig, für die ich sehr dankbar bin: Die Kinder waren klein und spielten. Ich konnte mit einer Nachbarin klönen. Da wurde unser Gespräch plötzlich unterbrochen durch ihre brüllende dreijährige Tochter, die mit blutüberströmten Knien und Ellenbogen an gehumpelt kam. Sie ließ sich nur schwer beruhigen und wurde erstmal verarztet. Am Ende nahm die Mutter sie auf den Schoß und stimmte das Kinderlied an: „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein, alles wird wieder gut sein.“ Dann wurde auf die verarzteten Wunden gepustet und damit die Angst, die Anspannung und der Schreck gewissermaßen fortgeblasen. Und ich erlebte ein kleines Wunder: Das Mädchen lachte wieder, sprang vom Schoß der Mutter und kehrte zum Spiel mit den anderen Kindern zurück.

Eine Begebenheit, die ich nicht vergessen habe. ´Das ist Trösten´, dachte ich. `So will Gott trösten´. Beim Propheten Jesaja können wir das lesen: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jesaja 66,13). Diese Erinnerung ist für mich ein Geschenk. Sie zeigt mir, was Gottvertrauen bedeutet.

„Die mit Tränen säen werden mit Freunden ernten“ beten wir mit Psalm 126,5. Der Psalmbeter vertraut darauf, dass Gott dies Versprechen einlöst.

Wie viele Tränen sind geflossen in diesem zurückliegenden Kirchenjahr, in der Trauer um geliebte Menschen, die von uns gegangen sind. Aber auch, weil es nicht gut lief, weil Beziehungen zerbrachen, weil Bilder und Berichte von Krieg und Terror uns anrührten. Sind sie auch getrocknet worden? Ist die Sehnsucht nach Trost gestillt worden? 

Trösten ist nicht einfach. Jeder trauernde Mensch braucht etwas anderes. Bei jedem läuft der Weg des Trauerns anders. Gut ist, in seiner Trauer gesehen und gehört zu werden. So wie die Tochter meiner ehemaligen Nachbarin.

Gott ist lebendig und wohnt dort, wo Menschen im Vertrauen auf ihn leben und das Leben aus seiner Hand nehmen – in Freud und Leid. Diesen Glauben teilt  der Seher Johannes mit den Gemeinden in Kleinasien, als er ihnen die Worte über das neue Jerusalem schreibt: Offenbarung, 21,1-4: 

„1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“     

Als Christen dürfen wir vertrauen: Unser Leben ist schon jetzt Teil der neuen Schöpfung Gottes. In ihr gibt es keine Grenzen, keinen Tod, keinen Schmerz, keine Tränen keine Trennung von Gott. Mit dieser Hoffnung legen wir das Gestern in Gottes Hand. Mit dieser Hoffnung gehen wir durch das Heute ins Morgen. Amen

Pastorin Anke Diederichs, Friedenskirchengemeinde Scharmbeckstotel

Wort zum Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr

Das Geschäft mit der Unvernunft

 „Selbstverantwortung“, das ist das Modewort in diesen Zeiten der Pandemie. Es ist ein Appell an die Vernunft. Wir brauchen keine Verordnungen, die die Menschen gängeln oder ihnen sagen, was sie zu tun haben. Ein solcher Beitrag setzt voraus, dass alle Menschen vernünftig sind und schon das richtige tun werden.

 

Willkommen im Lala-Land.

Schön wäre es ja, wenn wir alle vernünftig wären. Aber ich stelle ja schon bei mir selber fest, wie viel Spaß es mir macht, unvernünftig und verantwortungslos zu sein. Ja, ich muss zugeben, es gibt diesen anarchischen Zug in mir. Ich schaue mir gerne Autosendungen an, wo die Unvernunft gepriesen wird. Autos mit 500 PS und mehr, 23 Liter Verbrauch auf 100 Km, von Null auf 100 in 3,5 Sekunden und dann der Burnout der Reifen. Und dann taucht auch immer wieder der Satz der Moderatoren der Autosendung auf: „Völlig unvernünftig, aber es macht Spaß und weckt Emotionen, die man kaufen kann!“

Das ist das Geschäft mit der Unvernunft, die eins zum Ausdruck bringt: „Ich kann es mir leisten unvernünftig zu sein!“ Unvernunft wird zu einem modischen Utensil, mit dem man seinen inneren Rebellen zur Schau stellen kann und eben nicht alles tut, was die Vernunft einem vorschreibt. „Schaut her, ich kann Geld verbrennen!“ Und wenn es dann doch Verordnungen gibt, die dieser Unvernunft Einhalt gebieten, weil sie andere gefährdet, dann schreit sogar der Unvernünftige das Modewort „Selbstverantwortung“ in den Raum mit dem Nachsatz: „Ich brauche niemanden, der mir sagt, was ich in diesem freien Land zu tun und zu lassen habe!“ Freiheit wird dann zur Freiheit der Unvernunft. Dann schreit auch die Wirtschaft nach der Freiheit, denn ohne diese Unvernunft kann sie nichts mehr verkaufen.

Ja, es gibt diese Tendenz des Menschen zum Unvernünftigen. Sie scheint m.E. viel selbstverständlicher zu sein als die Vernunft. Denn die Unvernunft lässt sich von Emotionen treiben; und das ist nebenbei bemerkt dann auch der Nährboden für Verschwörungstheorien, mit denen eine „inszenierte Panik“ behauptet wird und es Gruppen oder Interessen gäbe, die uns die Freiheit zur Unvernunft nehmen wollen. Das wird dann auch noch unter dem Deckmantel der „freien Meinungsäußerung“ heraus posaunt.

Vernünftig handeln dagegen ist keine Selbstverständlichkeit. Das tun zu können setzt vielmehr voraus, dass man frei von Emotionen handeln kann. Eben das ist ein Zeichen der Freiheit. Wo dieser Geist weht, da ist Freiheit. Diese Freiheit ist nicht von Emotionen getrieben, sondern hat die Freiheit, sie zu reflektieren und sie zu steuern. Und da geht es nicht um meinen emotionalen Spaß, sondern um die gegenseitige Verantwortung für mich und die anderen.

Pastor Martin Rutkies 

Wort zum 22. Sonntag nach Trinitatis

Eure Freude sei vollkommen

„Gnadenlos perfekt“ las ich in einer Überschrift einer e-mail. Schon „perfekt“ kann uns ja Angst machen – aber „gnadenlos perfekt“? Dieser Ausdruck bleibt mir geradezu in der Kehle stecken.

Wie bitte? Wie soll ich perfekt sein? Heißt das auf deutsch: „vollkommen“? Davon spricht auch Jesus. Vollkommen… wie ist das gemeint? Eher im Sinne von „ganz“. Ganzheitlich. Mit Leib, Seele und Geist. „Eure Freude sei vollkommen“. Durch und durch dürft ihr euch freuen! Diese Art von „Vollkommenheit“ ist erfüllend. Umhüllend. Macht uns ganz.

Das Wort „perfekt“ hingegen hat einen erbarmungslosen Beiklang bekommen. Heißt das nicht: „fehlerfrei“? Aus dem Anspruch „perfekt“ zu sein folgt Schwarz-Weiß-Denken. „Richtig“-„Falsch“. „Gut“-„Nicht gut genug“ oder „schlecht“. Wer bitte bestimmt das? Nach wessen Maßstäben wird geurteilt? Wer legt fest, was ein Fehler ist und was nicht? Leider oft auch wir selbst mit unseren Ansprüchen.

Okay, oft genug gibt es Kriterien. In eine Einbahnstraße von der anderen Seite mit dem Auto hereinzufahren als vorgeschrieben, ist falsch. Falsch herum hereingefahren! Das kann gefährlich werden, weil andere nicht damit rechnen. Man hat sich verabredet: diese Zeichen sollen gelten.

Jedoch in unserem menschlichen Miteinander kann es ein Segen sein, wenn eine-r mal andersherum denkt oder uns von der anderen Seite entgegenkommt. Raus aus den Sackgassen! Einbahngewohnheiten öffnen, Einbahndenken erweitern.

Jesus stellt unsere Maßstäbe immer wieder radikal auf den Kopf. Nein, er kommt nicht in einem Schloß zur Welt. Ja, er ist ein König – er hat es jedoch nicht nötig und auch nicht vor, mit irdischen Macht- und Glanzsymbolen aufzutrumpfen: Schaut her, ich bin wer! Vielmehr: Von innen strahlt das Licht heraus. Königliche Gesinnung. Ja, Jesus kennt die Gebote und respektiert sie – am höchsten jedoch und alle anderen umfassend hält er das Gebot, Gott von ganzem Herzen zu lieben und den gerade nächsten Menschen wie sich selbst. Ja, wir werden schuldig aneinander und ja, es gibt mit Jesus immer einen Neuanfang. „Umkehr heißt ja, nicht immer auf demselben Weg weiterzugehen, in derselben Denkrichtung und in den alten Gefühlen zu verharren, sondern:  mal „inne halten“, stehen bleiben, schauen, denken; sich besinnen; und dann eine neue Denk- und Handlungsrichtung einschlagen.

Es geht also gerade darum, nicht „perfekt“ oder gar „gnadenlos perfekt“ zu sein/ sein zu wollen; sondern: hörend; wahrnehmend und bereit; dem Leben und der Liebe zu Gott folgend. Seine Gnade annehmen. Gnadenvoll unperfekt. Von innen strahlt das Licht des Lebens. Eure Freude sei vollkommen.

 

Pastorin Susanne Bömers, St. Willehadi 

 

Wort zum 21. Sonntag nach Trinitatis

Manchmal muss man bleiben!            (Jeremia 29)

Manchmal muss man bleiben, obwohl man lieber gehen möchte. Manchmal muss man die Dinge hinnehmen, obwohl sich mancher Widerstand regt. Manchmal muss man sich mit der neuen Realität arrangieren, obwohl man das alte Leben zurücksehnt.

Die Zeit der neuen Kontaktbeschränkungen, die in diesen Tagen in Kraft treten, ist wohl für die meisten von uns so eine Zeit, in der wir nicht bleiben wollen und doch bleiben müssen. Jetzt gilt es auszuhalten und sich selbst zurückzuhalten und das ist – verbunden mit vielerlei Sorgen und Ängsten – eine große Herausforderung für alle.

Wenn auch unter ganz anderen Umständen – vielleicht haben die Menschen das ähnlich erlebt, von denen der Predigttext für den 21. Sonntag nach Trinitatis erzählt:

Ihr Heimatland Israel war von den Babyloniern besetzt worden. Einen Teil der Bevölkerung hatten die neuen Machthaber verschleppt. Als Fremde und Unterdrückte mussten nun viele Frauen und Männer Israels in babylonischer Gefangenschaft leben. Es war eine schwere Zeit für sie mit vielen Entbehrungen, mit Trauer, Wut und Angst. In ihren Gedanken waren sie oft in ihrem alten Leben, blickten voller Sehnsucht darauf zurück.

Die Erwachsenen dachten zurück an ihre Häuser und an ihre Arbeit auf den Feldern, an ihr Miteinander mit Freunden und Verwandten. In Babylon fühlten sich schmerzhaft eingeengt, unfrei und fremdbestimmt. Die Jugendlichen dachten zurück an ihre Freunde und gemeinsame Unternehmungen. Würden sie sich irgendwann wiedersehen können? Die Kinder dachten an die unbeschwerte Zeit, in der sie spielen und lachen konnten. Hier in der Fremde war alles anders. Das Vertraute fehlte ihnen sehr und sie spürten die Traurigkeit und die Ängste ihrer Eltern.

In dieser Situation erreichte die Menschen nun ein Brief von Jeremia, einem Mann Gottes. Doch dieser Brief, der im 29. Kapitel seines Buches überliefert ist, klingt so ganz anders, als es sich die Menschen erhofft hatten, und seine Worte stoßen auf Widerstand:

„Baut Häuser und wohnt darin - Aber wir wollen doch nicht heimisch werden in diesem fremden Land der Unterdrückung.

Pflanzt Gärten und ernährt euch von ihren Früchten - Aber unsere Gärten sind doch zu Hause in Israel, die wollen wir bestellen.

Heiratet und bekommt Kinder - Aber unsere Kinder sollen doch in Israel groß werden, es soll ihnen besser gehen als uns hier in der Gefangenschaft.

Seid um das Wohl der Stadt besorgt - Aber nein, diese Stadt ist doch nicht unsere Stadt, wir leben nicht freiwillig hier. Wir müssen uns doch wehren, man kann sich doch nicht einfach in sein Schicksal ergeben.“

Da kommt also nun der lang ersehnte Brief und jetzt das! Ja, ich kann mir den Unmut und die Verunsicherung der Menschen gut vorstellen. Mit dieser Nachricht haben sie nicht gerechnet. Jeremia sagt, dass sie bleiben sollen. Aber sie wollen doch viel lieber gehen, zurück in ihr altes Leben, in ihr vertrautes Umfeld.

Doch Jeremia weiß, dass ihre Zeit der Gefangenschaft in Babylon noch lange dauern wird, 70 Jahre lang. Und so will er mit seinen Worten seine Landsleute ermutigen, die neue Situation anzunehmen und das Beste aus ihr zu machen.

Eine veränderte, schwierige Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen, das ist nicht einfach. Dies spüren auch wir in diesen Wochen deutlich, wo das rasante Infektionsgeschehen statt weiterer Lockerungen neue Beschränkungen und massive Eingriffe in unseren Alltag mit sich bringt; wo ganze Berufsgruppen um ihre Existenz bangen müssen.

Und doch bin ich davon überzeugt, ist das genau der richtige Weg. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen und manche Dinge lassen sich nicht schnell ändern. Deshalb heißt es: Aushalten und bleiben, das Beste daraus machen.

Es gibt kein Zurück. Aber der Blick darf sich nach vorn richten. So sagt es auch Jeremia im zweiten Teil seines Briefes. Damit weitet er die Perspektive. Jeremia schreibt von Gott, der diese schwere Zeit in der Fremde beenden wird. Gott wird eingreifen, das ist sicher. Aber Gott wird eingreifen, wann und wie Gott selbst es will; und das ist für die Menschen eine Zumutung. Doch zugleich ist sie mit einer großen Verheißung verbunden, denn es ist Gottes Wille, dass das Schwere und Leidvolle ein Ende hat. Gott steht ein für eine neue Zukunft mit Frieden, Glück und Heilung an Leib und Seele. Gott wird hören, wenn die Menschen ihn rufen. Er wird sich finden lassen, wenn sie ihn suchen. Er wird das Leid wenden und zum Guten führen.

So ist es verheißen und diese Perspektive ist für mich gerade in dieser Zeit ermutigend. Sie hilft mir, die Hoffnung nicht zu verlieren. Sie gibt mir Kraft für die schweren Zeiten des Lebens, in denen ich bleiben muss, obwohl ich lieber gehen würde.

Dietrich Bonhoeffer hat dazu gesagt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht es Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.“

Darauf will ich vertrauen – gerade auch jetzt im Corona-Herbst 2020.

Pastorin Christa Siemers, Pennigbüttel