Andachten und Impulse

Wort zum Sonntag

Geistliche Impulse

Wort zu Ostern

Ostern ist das Fest der Auferstehung. Es wird immer wieder davon erzählt, dass das ein Ding der Unmöglichkeit sei, und deswegen nicht glaubhaft.

Dennoch ist die Geschichte seit Menschengedenken voll von solchen Erzählungen, Man denke nur an die Auferstehung des Phönix aus seiner Asche, oder auch an die alte Hymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen ...“

Auferstehungsgeschichten und Mythen sind also nichts Ungewöhnliches und wollen erzählt werden. Sie wollen einem Mut machen oder auch von den verborgenen Kräften in der Natur erzählen, wie das Beispiel des Phönix zeigt.

Jesus selbst erzählt vom Korn, das in die Erde fällt, dass es dort sterben muss, um ein neues Leben hervor bringen zu können. Entscheidend bei der Erzählung Jesus ist dabei die Verwandlung in etwas Neues. Im Gegensatz zur Auferstehung des Phönix aus seiner Asche betont Jesus, dass aus der Korn ein Halm und aus dem kleinen Senfkorn ein Baum wächst, also etwas ganz anderes entsteht. Beim Phönix gibt es diese Verwandlung nicht. Der zur Asche gewordene Phönix erwacht wieder als derselbe.

Bei den Erzählungen über den gekreuzigten Jesus als den Auferstandenen erscheint er in einer ganz neuen verklärten Gestalt. Thomas erkennt ihn schließlich nur an seinen Wundmalen. Bei der Geschichte der Emmaus Jünger wird Jesus zunächst auch nicht erkannt, erst als er mit ihnen das Brot bricht. Und als Maria Magdala Jesus am Ostermorgen begegnet, erkannte auch sie ihn nicht. Erst als er ihren Namen ausspricht, versteht sie wer vor ihr steht.

Jesus begegnet allen in einer neuen und verklärten Gestalt. In den Auferstehungserzählungen ist das der Hinweis auf eine Neuschöpfung. Es wird nicht das Alte wiederhergestellt, wie es die Geschichte des Phönix aus der Asche erzählt. Jesus begegnet den Menschen in einer neuen Gestalt, aber doch schließlich erkennbar als Jesus.

Wir können diese Erzählung auch in unsere Zeit übersetzen. Die Pandemie als tödliche Krise stellt uns vor neue Herausforderungen. Vielen ist klar, dass es nach der Krise nicht darum gehen kann, das Alte wieder herzustellen. Wenn wir nach der Krise wieder „erwachen“, dann in einer veränderten Form. So wie wir vor der Krise gelebt haben, können wir nach der Krise nicht weiter leben. Es muss sich was verändern.

Das ist die Herausforderung. Dass es so gelingt, ist nicht zwingend. Es gibt Kräfte in der Gesellschaft, die lieber von der Auferstehung des Phönix aus seiner Asche erzählen wollen, also das Alte wieder hergestellt werden möge. Die Ostererzählungen schlagen einen ganz anderen Weg ein. Sie erzählen von der neuen Gestalt des Lebens.

Pastor Martin Rutkies

Wort zum Sonntag Judika (21.März 2021)

Hiob 19, 19-27

Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen! 

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

 

So harte, so schmerzliche Worte lesen wir an diesem Sonntag.

Manchmal möchte ich solche Texte am liebsten ausklammern.

Aber heute will ich mit ihnen näher hinsehen.

Wir hören sie von Hiob, einer Figur des Alten Testaments.

Wir hören in drastischen Worten von seinem Leid: Von den körperlichen Schmerzen und seiner Versehrtheit. Das Fleisch zerschlagen, nur noch das nackte Leben.

Und wir hören von seinem seelischen Schmerz: In allem fühlt er sich von Gott verlassen; ihm klagt er nicht nur sein Leid, ihn klagt er an.

Und das dritte: „Meine getreuen Freunde haben sich gegen mich gewandt“, so beginnt der Predigttext. Auch sie verlassen ihn, denn als er seine Klage gegen Gott wendet, halten sie Gegenrede: „So darfst du nicht reden!“ so sollst du nicht denken!

Sie wollen ihn beschwichtigen, sie halten ihm vor, dass er sich nicht mit Gott anlegen darf. Aber dadurch wird Hiob noch einsamer. Er sagt: Nun bin ich von allen verlassen. Auch meine Getreuen wenden sich gegen mich.

Ich denke an Jesus in Gethsemane. Wie er betet: mein Gott, lass diesen Kelch des Leids an mir vorübergehen! Und die Jünger schlafen.

Ich denke an Jesus am Kreuz: Mein Gott, warum hast du mich verlassen!? Und die Jünger sind weggerannt.

Wo war Gott?

 

Bei Katastrophen, Unglücken, auch jetzt wird die Frage gestellt:

Wie kann Gott das zulassen, was geschieht?

Hiob fragt und klagt noch mal anders.

Er steht überhaupt nicht über den Dingen, sondern mittendrin. Er klagt Gott direkt an: Wo bist du jetzt?

Es sind deftige Worte, zum Nachlesen empfohlen.

Hiob will nicht darüber schweigen müssen, wie schrecklich es ihm geht, wie viele Schmerzen er hat. Und er schreit all das Gott in die Ohren.

Dem Gott, von dem er sich verlassen fühlt.

Er sagt: Gott sieht einfach weg, er schert sich nicht um mich.

Und das ist stark und furchtbar und macht alle verlegen. Die Freunde finden das zu aufmüpfig. Sie versuchen Gott zu verteidigen und lassen den Freund dabei im Stich.

Zu oft neigen auch wir dazu, uns selbst das Klagen, das Schreien nicht zu gestatten. Menschen, die ihr Schicksal tapfer tragen, werden bewundert. Wir wollen das Leiden beherrschen und beherrschbar machen. Und selbst im Trösten halten wir manchmal sozusagen Gott da raus: Er kann doch nichts für den Unfall, er hat das Auto nicht gelenkt, viele Katastrophen gründen auf der menschlichen Freiheit und so weiter.

Hiob tut es nicht. Gott ist schuld an seinem Elend und Gott soll es hören.

Laut. Aber: Er spricht nicht an Gott vorbei, sondern alles hin zu ihm.

Hiob hält in all seiner Gottverlassenheit stärker an Gott fest als die Freunde.

Er macht Gott nicht zu einem fernen Weltenlenker. Er hält an ihm fest, schreit dem, den er nicht sehen kann, die Worte entgegen.

Und da bricht immer wieder Hoffnung durch.

Ich weiß, das mein Erlöser lebt – und er soll sich zeigen.

Hiob hat trotz allem die Hoffnung, das etwas bleibt von seinem Kampf und er hat Hoffnung auf Gott. Irgendwie. Ob in diesem Leben? Oder danach? Das bleibt offen. Da ist im Moment nicht mehr als die starke Sehnsucht, dass er da ist.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.

Hiob braucht den Streit mit Gott, um die Antworten zu bekommen, die er verdient.

Denn am Ende redet Gott.

Er bleibt souverän. Wehrt die Klage ab, aber nicht den Klagenden.

Er kommt Hiob nahe, nimmt ihn ernst.

Wehrt sogar den falschen Trost der Freunde ab, sagt: Hiob hat recht.

Und erst da sieht Hiob auch Gott wieder, nimmt Klage zurück.

Das Buch nimmt ein gutes Ende.

An dieser Stelle sind wir aber bei Hiob im Kapitel 19 noch lange nicht.

Hiob hält die Frage nach Gott offen. Und die nach dem Leid und dem Sinn.

Er klagt Gott vor Gott an.

Und teilt seine Hoffnung:

Ich werde Gott sehen, danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Mehr geht manchmal nicht.

So hören wir heute auf Hiob.

Schweigen an seiner Seite.

Stellen unsere Fragen nicht über Gott, sondern an ihn.

Geben der Sehnsucht nach Heil-werden auch unsere Stimme.

Und hoffen auf das, was mit Ostern begonnen hat.

Amen

 

Pastorin Birgit Spörl, Ritterhude

Wort zum Sonntag Lätare (14. März 2021)

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt

Die Schneeglöckchen blühen, Krokusse recken ihre Blätter und Blüten aus der Erde. Die Vorboten des Frühlings zeigen an: Die Natur erwacht aus der Winterstarre. Neues Leben regt sich.

Damit das möglich ist, müssen die Voraussetzungen schon im Herbst (oder noch früher) geschaffen werden. Ohne Blumenzwiebel gibt es weder Schneeglöckchen noch Krokusse. Wenn Bäume und Büsche ihre Energie nicht in der Wurzel speichern, können sie im Frühjahr nicht ausschlagen.

Im Johannesevangelium verwendet Jesus noch ein anderes Bild aus dem Bereich der Natur: Das Weizenkorn. Damit aus ihm neues Leben, eine neue Weizenpflanze entstehen kann, muss das Weizenkorn vergehen, also sterben. Dieses Bild aus der Natur verwendet Jesus, um auf seinen Tod und seine Wirkung hinzuweisen. Anders ausgedrückt: Nur wenn Jesus stirbt, kann er für viele neues Leben schaffen. Ohne den Tod am Kreuz gäbe es keine Auferstehung. Die Auferstehung Jesu Christi eröffnet dann aber für alle Christen den Zugang zur Auferstehung.

Im Johannesevangelium (12,24) wird das Sterben und der Tod Jesu sowie das neue Leben der Auferstehung mit dem Bild vom Weizenkorn beschrieben:

Jesus sagte: „Amen, amen, das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ (Basisbibel)

Das Sterben, der Tod ist die Voraussetzung für das Neue, das neue Leben.

Aber der Tod am Kreuz ist bitter, ein ganz schwerer Weg. Hier versagt das Bild aus der Natur. Hier kommt die zutiefst menschliche oder sogar göttliche Dimension hinein: Die Liebe zu uns. Nur diese Liebe macht Christus bereit und fähig, den schmerzvollen Weg ans Kreuz auf sich zu nehmen. Mit seiner Liebe überwindet er zugleich die Bosheit und Feindschaft derjenigen, die ihn ans Kreuz gebracht haben.

Für uns macht dieser Zusammenhang deutlich: Tod und Sterben bleiben unsere Wirklichkeit – mitunter auch mit schweren Begleitumständen, gerade in dieser Zeit -. Die Erfahrung von Tod und Sterben sind nun aber eingebettet, einbezogen in den großen Horizont der Liebe Gottes, wie wir sie in Jesus Christus besonders klar erkennen. Das Lied für den Sonntag Lätare nimmt die Verbindung auf vom Weizenkorn, das sterben muss, um Frucht zu bringen, und der Liebe.

Beides, das Lied wie der biblische Vergleich vom Weizenkorn eröffnen uns Hoffnung und Zuversicht, gerade auch über den Tod hinaus. Sie öffnen uns den Blick für die Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus zeigt, und uns im besten Falle zu Boten dieser Liebe macht.

Georg Ziegler, Pastor

 

Wort zum Sonntag Reminiscere (27. Februar)

Jesajas Weinberglied

Der Predigttext für den 28. Februar stellt selbst schon eine Predigt dar:

 

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jesaja 5,1-7)

 

Der Weinberg dient im ersten Testament als Bild für den geliebten Menschen. Hier allerdings geht es um eine Menschengruppe, um das Volk Israel. Israel hat die Liebe Gottes nicht erwidert. Nun droht eifersüchtige Strafe. Was der Prophet hier ankündigt ist nicht weniger als die Vernichtung des Volkes.

 

Als im September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im Osten Europas begann, begriffen viele Rabbiner dies als Erfüllung der jesajanischen Drohung. Nicht ohne Grund schickte Gott nun die deutschen Soldaten, die das jüdische Leben vernichteten. Die Schuld, die man sich selbst zuschrieb, bestand in der Anpassung an die Welt der gojim, der Völker bzw. der „Heiden“, wie Luther sagen würde, also in der Verleugnung des eigenen jüdischen Glaubens.

 

Rabbi Shlomoh Zalmahn Unsdorfer, Mitte September 1944 in Auschwitz ermordet, teilt diese Position: „Ihre Schulen sind uns verboten, sie verschlossen uns die Türen ihrer Universitäten. Dies war eine Maß-für-Maß-Vergeltung uns gegenüber. Wie häufig haben uns unsere schriftliche und mündliche Thora und alle Moralbücher davor gewarnt, uns von ihrer apokryphen Weisheit zu distanzieren, die voller Häresie und Atheismus ist? Sie verboten uns, ein Radio im Haus zu haben. Was haben wir zu tun mit der Unterhaltung der Völker und ihren sündigen Begierden?... Sie befahlen uns, gelbe Davidsterne zu tragen, um zu zeigen, dass wir Juden sind. Wegen unserer vielen Sünden (geschah dies, G.G.). Wie schämten wir uns doch unserer jüdischen Gewänder und Namen, unserer Fransen und der Mesusah an unseren Türpfosten, als es unsere Pflicht war, jedermann zu zeigen, dass wir der Same des gesegneten Gottes sind... Aus Scham vor den Völkern wollten wir auf keinen Fall an den Schläfenlocken an unserem Kopf erkannt werden. Nun haben die Bösen, um diesem zu begegnen, befohlen, dass jeder erkennen möge, dass wir Juden sind.“ (Katz, Wrestling with God, S. 54f.)

 

Beim Lesen des jesajanischen Predigttextes fällt auf, dass die Personen hier seltsam schillern: Wer ist der Erzähler? Wer ist der „Freund“? Handelt es sich um Gott selbst, der hier bald das Wort führt, der dann auch selbst Rache nimmt?

 

Ähnlich ergeht es mir, wenn ich Positionen der osteuropäischen Rabbiner zur Zeit des Holocaust betrachte: Während die deutsche Vernichtungspolitik bei Unsdorfer noch das Werk „der Bösen“ ist, so gibt es andere Fromme, die die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie sogar als Werkzeug Gottes begreifen.

 

Welche Rolle nimmt Gott während der Schoah ein? Ist er der Rächer, der die – eigentlich besonders frommen - osteuropäischen Juden für deren Schuld straft? Oder leiden diese nur stellvertretend etwa für das amerikanische Judentum, das wesentlich stärker assimiliert war und immer noch ist? Sind die vernichteten Juden gar die leidenden Gottesknechte (vgl. Jesaja 53ff.), also die Gerechten, die stellvertretend für den Rest der Menschheit Schuld übernehmen? Oder stellte die Zeit des Holocaust schlicht eine Zeit der „Gottesverdunkelung“, der Abwesenheit Gottes dar?

 

Diese Fragen sind der heutigen jüdischen Bevölkerung Israels eher fremd. Sie haben keinen Platz im Selbstbewusstsein eines jungen wehrhaften Staates. Überlebende des Holocaust trauen sich oftmals nicht einmal, die auf ihren Unterarm tätowierte Nummer aus dem KZ zu zeigen. „Nie wieder Massada“, mit diesem Schwur werden Israels Soldatinnen und Soldaten vereidigt. Nie wieder eine Niederlage, wie sie den besiegten Juden in der Bergfestung Massada am Toten Meer 74 n. Chr. durch die Römer widerfuhr, oder eben im Holocaust. Ist der heutige Gott Israels ein Gott der Stärke um jeden Preis, auch um den Preis der Ungerechtigkeit?

 

Gert Glaser.

Wort zum Sonntag Invokavit (22. Februar 2021)

Über Verrat und Liebe                                                                                                                                                

„Einer von euch wird mich verraten.“ sagt Jesus zu seinen Jüngern an seinem letzten Abend mit ihnen. Sie waren versammelt, um das Passahmahl zu feiern. „Der ist´s, dem ich den Bissen eintauche und gebe.“ heißt es im Johannes-Evangelium. (Johannes 13,21-30 ist Predigttext für den Sonntag Invokavit).  Die Jünger sind in Aufruhr. Auf dem berühmten Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci ist dieser Moment dargestellt. „Wer ist der Verräter?“ „Bin ich es?“ Diese Fragen spiegeln sich in den Gesichtern der Jünger wider.                                                                        Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden schaue ich gerne das Bild an zum Einstieg in das Thema Gemeinschaft und das Hl. Abendmahl. Das Bild hilft, sich der ungeheuerlichen Passionsgeschichte, Jesus Leidensweg ans Kreuz zu nähern. Jesus hatte es mehrmals seinen Jüngern angekündigt, dass er werde sterben müssen. Ihre Gemeinschaft würde zu Ende gehen. Aber das konnten sie nicht fassen und glauben.  Nun kündigte er an, dass er von einem aus der Gemeinschaft verraten werden würde.                                      

 Verrat – das ist der größte Vertrauensbruch überhaupt. Jemand bricht aus, verletzt die verabredeten Spielregeln einer Gemeinschaft, einer Beziehung, wechselt die Seite, verrät ein Geheimnis. Hochverrat, Landesverrat heißt es auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Spitzel kennen wir aus der Zeit der DDR-Regimes. Aber auch Ehepartner fühlen sich verraten, wenn sie betrogen werden. Kinder fühlen sich verraten, wenn Geschwister oder Freunde ein Geheimnis nicht bewahren konnten. Erinnern Sie sich (Ihr Euch) daran, wann Sie sich (Ihr Euch) mal verraten gefühlt oder jemanden verraten haben (habt). Als erstes fällt mir dazu ein: „Da will ich gar nicht (mehr) dran denken.“ Das sind böse Erinnerungen, die immer noch weh tun.

Auch die Passionsgeschichte besteht aus Geschichten, die wehtun. Sie erzählen von Jesu Leidensweg und seinem Tod am Kreuz. Der heutige Sonntag Invokavit ist der erste von 6 Sonntagen in der Passionszeit, in der wir uns an diese Geschichten erinnern.                                                                                               

   Die Geschichte von der Ankündigung des Verrats in der Version des Evangelisten Johannes macht in diesem Jahr den Anfang. So sind wir in der Passionszeit eingeladen, den Schattenseiten des menschlichen Zusammenlebens nachzugehen. Neben Verrat zählen ja z.B. Machtstreben, Egoismus und Gewalt dazu. Sie gehören zur Kehrseite der Liebe.

Was Liebe bedeutet, haben wir durch Jesus und die Gemeinschaft mit seinen Jüngern, durch die Geschichten im Neuen Testament erfahren. Es gibt Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Die Liebe ist der Weg zu Vergebung und Versöhnung. Ihre Bedeutung wird nur erfassen, wer auch die Kehrseite kennt.                                                                                    „Einer von euch wird mich verraten.“ sagt Jesus zu seinen Jüngern und jeder fühlt sich angesprochen. „Bin ich es?“ Denn die Jünger wissen wohl um die Schattenseiten eines jeden Menschen und wie Beziehungen und Leben durch sie zerstört werden können.                                                                                    

Es gibt eine Legende zu der Entstehung des Abendmahlsbildes von L. Da Vinci, die davon erzählt. Der Maler hatte für die Gesichter der Jünger Menschen aus Mailand als Modelle ausgesucht. Am Ende fehlten ihm nur noch die Gesichter von Jesus und Judas. Für Jesus fand er einen jungen Mann, „aus dessen Antlitz eine durchscheinende, beinahe jenseitige Reinheit leuchtete“. Bis er dann ein Modell für Judas fand, vergingen viele, viele Jahre. Dann fand er „einen Mann mittleren Alters mit zerquälten Zügen und Augen, die nichts mehr erwarteten“. Als er ihn fertig gemalt hatte, sagte dieser Mann zu ihm: „Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt. Ich habe dir vor langer Zeit schon einmal Modell gesessen.“ und er zeigte auf das Gesicht von Jesus.                       

Die Legende weiß von der Spannung in uns Menschen, von den guten Seiten und den Abgründen im menschlichen Leben und scheut sich nicht, diese mit Jesus und Judas in Verbindung zu bringen.  „Eigentlich müsste Judas heiliggesprochen werden.“ schrieb Walter Jens, ein Philosoph und Schriftsteller. Ohne ihn wüssten wir nicht von Jesu Tod und Auferstehung. Ohne ihn gäbe es nicht die Verkündigung des Glaubens, dass die Liebe die stärkste Kraft ist, die den Tod überwindet. 

Anke Diederichs, Pastorin in Scharmbeckstotel und Ritterhude

Wort zum Sonntag Sexagesimae (7. Februar 2021)

Karneval, Fasching? – Das feiern wir hier wenig und Faschingssonntag ist auch noch nicht da. Dennoch. Fasching bildet ja eine Art „Zwischenzeit“,

schon wieder eine Zwischenzeit, ja, das gibt es immer wieder, diesmal im „Kirchenjahr“ zwischen der „Epiphaniaszeit“ und der Passionszeit.

Zudem sind wir in der Willehadigemeinde auch in einer Zwischenzeit:

am letzten Sonntag, 31. 1. haben wir Pastor Eckhard Gering in den Ruhestand verabschiedet – und in einer Woche, am 14. 2. wird Pastor Henning Mahnken in sein Amt hier eingeführt. Kurz durchatmen dazwischen. Und warum nicht ein bißchen Karneval.

Da werden „Büttenpredigten“, meist gereimt, gehalten. Was ist denn eine „Bütt?“, frage ich eine Schweizer Freundin, „ein Faß“, sagt sie und in wikipedia steht:

Die Bütte, die Butte, die Bütt, der Zuber oder das Schaff ist ein großes Gefäß von runder oder ovaler Form ohne Deckel. In der Regel sind diese Gefäße breiter als hoch. Bütten werden traditionell bei der Papierherstellung oder beim Weinbau verwendet.

Oder um Reden unterschiedlicher Art zu schwingen.

Worte. Die Macht von Worten. Zu Fasching ist komische, kritische, bissige Gesellschaftskritik besonders willkommen. Was ändert das? Vielleicht nicht viel, vielleicht einiges? Menschen wachen auf, kriegen auf einmal etwas mit, das sie nie bemerkt haben oder noch besser: beginnen zu denken, eigenständig und selbst zu denken.

Denn aus dem Staunen kommt das Fragen und das Denken. Worte können uns tief beeindrucken; uns manipulieren; uns trösten; uns aufmuntern und stärken. „Auf dein Wort hin“, sagt ein erfahrener Berufsfischer zu Jesus, der von Fischfang keine Ahnung hat, will ich – gegen jede Fischererfahrung – nochmal am Tage herausfahren und mein Netz auswerfen. Und das Netz wurde voll. Leben in Fülle auf Jesu Wort hin. Welch Kraft darin liegt!

 

Nicht jederzeit können wir gute Worte auch aufnehmen. Jesus erzählt dazu ein Gleichnis (Lukasevangelium 8, 4-8). Aber dann fällt auf einmal ein gutes Wort tief in unsere Seele – und bringt etwas in Bewegung in uns. Es fällt vielleicht damit eine lang getragene Last von uns ab – oder es kommt uns ein ganz neuer Gedanke – wir atmen auf –oder ein oder durch!

Immer wieder hat Gottes Wort Menschen bewegt, ihr Leben verändert oder Menschen gestärkt und getröstet. In einer Büttenpredigt 2020 (gekürzt und verändert) erzählt Pfarrer I. Maybach, Frankfurt/ Main von Gott und seinem Wort, das in immer anderer Form zu uns spricht, vom Himmelreich – und von Narren.

Liebe Gemeinde, ich sag es euch gleich:

Den Narren gehört das Himmelreich.

 

Das heißt: wenn wir rechte Narren sind,

nehmen wir Gottes Reich an, wie ein Kind,

das die Hände voll Hoffnung zum Vater hebt,

weil es aus seiner Liebe lebt.

 

„Vater unser im Himmel“, so beten wir schon

seit 2000 Jahren, weil damals sein Sohn

so zu beten lehrte. Doch: es ist auch nachzulesen,

daß Gott bereits anfangs nicht nur im Himmel gewesen.

 

Denn am Anfang schuf Gott Himmel und Erde

und das Licht: auf daß es heller werde.

Er schied die Wasser, den Tag von der Nacht,

hat Pflanzen, Tiere und Menschen gemacht.

 

Im Paradies kam es, daß wir Menschen mehr Erkenntnis wollten,

doch vom Baum der Erkenntnis nicht essen sollten.

Wir aßen dann doch; aus Neugier und weil:

der Wissensdurst ist halt von uns ein Teil.

So sind wir aus dem Paradies geflogen

und meinten, Gott habe sich vornehm zurückgezogen.

 

Weil Gott nun nicht mehr so nahe dabei,

hieß es fortan, daß er wohl im Himmel sei.

Wollte man mit ihm reden, was machte man da?

Hände und Herzen zum Himmel – Halleluja!

 

Die Probleme wuchsen seit Kain und Abel,

es gab Mord und Totschlag und den Turmbau zu Babel.

Gott sah: was so gut war, war gar nicht mehr gut…

Und zur Reinigung sandte er eine große Flut.

Als sich nach der langen Flut die Wolken verzogen,

stand am Himmel der erste wunderschöne Regenbogen.

Ihn gab Gott als Zeichen für seinen Bund der Treue,

daran sich jeder von Noah bis heute freue!

 

Es gibt noch viele andere alte Geschichten,

sind sie nicht veraltet? – nein, mitnichten!

Sie sprechen mitten in unser Leben hinein –

und so soll es sein.

 

Liest du mal alle Psalmen, weißt du, wenn du fertig bist,

daß Gott überall gegenwärtig ist,

selbst wenn man unter die Erde geht, wie es in Psalm 139 steht.

 

In Psalm 121 wiederum hebt

ein Beter, der fest im Glauben lebt,

seine Augen zu den Bergen empor:

Hilfe, Hilfe kommt mir woher?

Hilfe kommt von Gott, der alles Leben ernennt,

so wird es sichtbar und man erkennt:

Gott ist mit seinem Wort in seiner Schöpfung präsent.

 

Wer das erlebt, der ist gut dran,

der spürt Gottes Nähe – vielleicht auch nur dann und wann-

und er kann zuversichtlich vor Gott hintreten

und für alles umfassend beten.

 

Es geht nun darum, dazu beizutragen, daß hier, auf der Erde,

Gottes Reich heute schon sichtbar werde.

Denn es ist noch nicht da, hat aber längst begonnen

und, ich sag es euch klar: nicht nur für die „Frommen“!

 

Wie das Himmelreich ist, hat uns Jesus geschildert,

mit Geschichten und Gleichnissen hat er es bebildert.

So ist zum Beispiel das Himmelreich

einem winzig kleinen Senfkorn gleich.

Erst wird es gesät in die Erde

auf daß daraus eine Pflanze werde.

Und mit Gottes Hilfe wächst es dann

so hoch, daß es Schatten gibt und Vöglein Schutz bieten kann.

 

Wir hören das Gleichnis und lernen daraus:

In kleinen Schritten breitet der Himmel sich aus.

Es fängt bei einem jeden an,

daß Gottes Reich weiter wachsen kann.

 

Es geht um unsere Mitarbeit

für Frieden, Liebe und Gerechtigkeit.

Die Kraft dafür ist in Gott schon da:

und es bleibt doch immer ein Wunder, das ist ja klar.

 

Und Samen sät Gott reichlich aus

sein Wort an allen Orten, auch in diesem Haus,

viele helfen mit und sagen es weiter,

nur – überall geht es nicht auf – lei(t)der!

 

Es ist ein – oft mühsamer! - Weg in kleinen Schritten

und wir dürfen jederzeit Gott um Hilfe bitten.

Die kleinen Schritte fallen auch nicht immer leicht

manchmal scheint es, daß man gar nichts erreicht.

Manchmal erntet solche Arbeit auch nur Spott:

„Ihr macht euch zum Narren für den lieben Gott!“

 

Liebe Gemeinde, ich sag es euch gleich:

Solchen Narren gehört das Himmelreich!

Sie hießen oft Narren, die, die zu Jesus kamen:

 Füße fest auf der Erde und Herzen im Himmel – Halleluja – Amen!

 

Pastorin Susanne Bömers, St. Willehadi