Andachten und Impulse

Wort zum Sonntag

Geistliche Impulse

Wort zum Sonntag 9. Mai 2021

Wenn Worte meine Sprache wären, Gott, ich hätte dir schon gesagt, in all den schönen Worten, wie viel mir an dir liegt. Doch so oft fehlen mir die Worte. Dann hab ich die Worte nicht, dir zu sagen was ich fühl. Dann bin ich ohne Worte. Ich finde die Worte nicht. Ich hab keine Worte für dich.
Es gibt Tage, da suche ich dich. Menschen sagen, du wohnst im Himmel. Gott, ich frage mich, wo ist dein Himmel? Wie sieht er aus? Als Kind dachte ich, du sitzt auf einer der vielen weißen Wolken. Als ich in ein Flugzeug stieg, wurde ich enttäuscht. Dort oben in den Wolken warst du nicht. Ist dein Himmel nicht der, den wir sehen?
Manchmal sagt man ja auch, der Himmel sei hier auf Erden. Bist du hier auf Erden, Gott? Ja, das glaube ich. Muss ich dich hier suchen? Wie finde ich dich? Kann ich nach dir rufen? Brauche ich dafür bestimmte Worte? Und wenn mir die Worte fehlen, entgehst du mir dann? Entgeht mir dann der Himmel auf Erden?
Gott, manchmal habe ich keine Worte, weil ich aus dir nicht schlau werde. Ich frage mich so oft: Was ist dein Wille? Wenn ich mich so umschaue in der Welt – willst du all das, was hier um uns herum passiert? Ich tue mich damit schwer zu glauben, dass du das wirklich willst. Nein, wenn ich mir dein Reich vorstelle, dann erinnert es mich an Leichtigkeit, die ich noch nicht gefunden habe. Wenn der erste Sonnenstrahl durch die Wolken bricht, dann denke ich: Dies muss doch dein Wille sein.
Gott, auch wenn ich nicht weiß wie es geht, ich möchte an deinem Reich mitbauen. Zeige mir, was ich tun kann und schenk mir die richtigen Worte im richtigen Moment. Damit ich das tun kann bitte ich dich, um all das, was ich zum Leben brauche. Das Nötige: Essen, Trinken, Kleidung und in diesen Tagen wird es mir noch einmal ganz besonders wichtig: Gesundheit.
Das bitte ich nicht nur für mich, sondern für alle Menschen. Wenn ich mich in der Welt umschaue und sehe, wo das nötigste fehlt, dann lässt mich das manchmal einfach verstummen. All die Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt machen mich sprachlos. Mir fehlen die Worte.
Gott und manchmal verstumme ich einfach wegen mir selbst. Ich gebe mir mit meinem Handeln so viel Mühe. Und doch mache ich Fehler. Nicht absichtlich, sie passieren einfach so. Für einen Moment nicht nachgedacht und schon ist das falsche Wort über meine Lippen gepurzelt. Da sage ich manchmal einfach besser gar nichts mehr. Manche sagen, du könntest nicht hinter die Mauer sehen und mein Inneres würde dich kalt lassen. Ich hoffe, dass das anders ist. Ich glaube, dass du in mein Inneres blicken
kannst. Dass du siehst, dass ich manches gar nicht so meine, wie ich es sage. Du hörst all die Vorwürfe, die ich mir manchmal mache: „Hätte ich dies doch gelassen.“ Oder „Hätte ich jenes bloß getan.“ Nein,
sie lassen dich bestimmt nicht kalt.
Gott, ich bitte dich um Gelassenheit und Nachsicht mit mir. Auch ich will versuchen nicht jedes Wort meiner Mitmenschen auf die Goldwaage zu legen. Denn ich weiß ja selbst, wie es ist. Man hat nicht die richtigen Worte und schon ist etwas gesagt, das man gar nicht so gemeint hat.
Manchmal, Gott, hab ich keine Worte, weil ich das Gefühl hab mich selbst nicht wiederzuerkennen. Dann tue ich Dinge, die ich eigentlich gar nicht tun will. Ich weiß, dass sie falsch sind und tue sie trotzdem. Ich merke, da lenkt mich wer anderes. Ich bin nicht mehr ich selbst. Ich scheine mich selbst

zu verlieren. Gott, sei du da. Ich bitte dich, zeige mir immer wieder den Weg zurück. Zurück zu dir, zurück zu mir. Sei du die, die mich zurückholt, wenn ich mich verloren hab .
Gott, ich bitte dich: Schenk mir die Worte, die ich nicht habe.
Lass mich erkennen, wo dein Himmel ist.
Zeige dich mir, wenn ich mich klein fühle.
Gib mir die Erinnerung an Leichtigkeit und das Gefühl vom ersten Sonnenstrahl nach langem Regen.
Vergiss nicht, was wir zum Leben brauchen.
Sieh du hinter meine Mauern und erkenne, wer ich bin.
Und wenn ich mich zu verlieren scheine, hole mich immer wieder zurück.
Gott, wenn Worte meine Sprache wären, würde ich in all diesen Momenten zu dir sprechen. Dir sagen, was ich fühl.
Oft fehlen mir die Worte: Dann ist alles leise.
Ich bin dankbar, dass dann deine Stimme da ist, die mir die Worte schenkt:
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name
Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld.
Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von den Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

 

Pastor Henning Mahnken, St. Willehadi 

Wort zum Sonntag Kantate, 2. Mai 2021

Gott loben mit Singen, dafür steht der heutige Sonntag Kantate. Im 2. Jahr der Corona-Pandemie ist Singen immer noch nicht gestattet. „Du meine Seele singe….“ – Nein, das darf sie nicht. Aber beten. „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!“. So beginnt Psalm 103.      Und dann noch mal: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Zweimal fordert der Beter die Seele auf, Gott zu loben. Als wenn er ein bisschen Druck machen will.

 Das macht mich nachdenklich. Ein Beter spricht mit seiner Seele wie mit einem Gegenüber.  Ich weiß, wir Menschen können die Seele nicht sehen und anfassen und doch hat jeder Mensch eine Seele und sie ist einzigartig und kostbar. Sie ist der Ort für das unverwechselbare Wesen eines Menschen.

Der Beter findet also, dass die Seele zuständig dafür ist, Gott zu loben und das geht scheinbar nicht von selbst. Zweimal muss er sie dazu ermuntern.

Es erinnert mich daran, wie ich mich selbst immer wieder ermuntern muss, zum Gottesdienst zu gehen oder zur Chorprobe oder zum Sport. Denn ich weiß, dass es mir danach besser geht. Weil ich alles andere einmal losgelassen habe und der Seele Freiraum und Spielraum gegeben habe. Freiraum und Spielraum zum Loben im Gottesdienst, zum Singen im Chor und zum Fliegen beim Sport. Auf wundersame Weise werden mir dadurch neue Kräfte und neuer Mut geschenkt.

Für das Gegenteil von Loben brauche ich keine Ermunterung. Stöhnen, Meckern, Klagen und die Schuld gerne erst mal auf andere schieben, das passiert von allein.

Allerdings rutscht mir das „Gott sei Dank“ auch spontan aus dem Mund, wenn mir „Großes widerfährt“. So wie bei der Geburt unseres zweiten Enkelkindes, das gesund auf die Welt gekommen ist.                                   

Der Beter erinnert mich daran:  Es braucht eine Haltung, um Gott zu loben und er macht klar, wozu  die Seele da ist: „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,“ (Psalm 103,2.3.4)

Das ist die Basis, die uns als Glaubende verbindet. Wir leben in der Gemeinschaft der Glaubenden im Vertrauen darauf, dass Gott uns liebt und wir daher auch lieben können.

„Gibt es Gott -  noch?“ fragte ein fünfjähriges Mädchen seine Mutter eher beiläufig während einer Autofahrt. „Natürlich gibt es Gott.“ antwortet die Mutter. „Bis alle tot sind.“ erwidert das Mädchen darauf hin. Das Mädchen fragt, weil es unsicher ist. Es ist auf dem Weg, die Welt und sich zu entdecken und zu begreifen. Sie bekommt eine Antwort auf ihre Frage. Frage und Antwort stehen für Beziehung. Gott wird lebendig in Beziehungen. Der Glaube lebt in Beziehung. Ob die Eltern mit ihr beten?  „Müde bin ich geh´ zur Ruh…Vater lass die Augen dein über meinem Bette sein.“ „Vaterunser im Himmel..“ Ob sie das mit ihr einüben, so wie meine Eltern das mit mir gemacht haben?

„Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen“ Unzählige Male habe ich den Psalm gebetet und gesungen und inzwischen verbinde ich mit den Worten Erinnerungen an Menschen, die mir wertvoll sind damit.

 Kürzlich ist ein Freund überraschend nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. In der Anfangszeit unserer Freundschaft vor 40 Jahren hatten wir uns öfter über unser Aufwachsen im christlichen Elternhaus ausgetauscht, über die Traditionen und Rituale mit denen wir groß geworden waren.  Diesen Psalm hatte er sich für seine Trauerfeier ausgesucht. Das hat mich sehr getröstet. So bleiben wir miteinander und mit Gott verbunden in der Hoffnung auf das ewige Leben. Amen

Pastorin Anke Diederichs, Scharmbeckstotel und Ritterhude

Wort zum Sonntag Jubilate am 25.4.2021

Dem unbekannten Gott

„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ lautet ein Spruch für umsichtiges Verhalten. Solches Verhalten hat es immer schon gegeben. So erzählt die Apostelgeschichte davon anlässlich eines Besuchs von Paulus in Athen. Denn dort findet er einen Altar mit der Inschrift: Dem unbekannten Gotte!

Den Griechen sind ihre Götter sehr wohl bekannt gewesen. In der damals bereits interkulturellen Situation des Römerreichs haben sich jedoch zumindest in den Städten viele verschiedene kulturelle und religiöse Einflüsse gesammelt und teilweise beeinflusst. Den Überblick zu behalten, ist dabei schwer. Um keinen Gott zu vergessen oder beleidigen, macht ein solcher Altar durchaus Sinn.

Wir können es in unserer Zeit bestimmt gut nachvollziehen. Mit der Globalisierung und den vielen Wanderungsbewegungen von Menschen (Flucht, Vertreibung, blanke Not) erleben wir ebenso viele verschiedene Einflüsse. Neugierige Menschen schauen dabei über den Tellerrand ihrer eigenen Prägung. Das ist erst einmal sinnvoll. Am Ende muss dann jeder Mensch selbst entscheiden, wo er für sich selbst Halt und Geborgenheit findet.

Paulus knüpft mit seiner Rede bei der Verehrung für den unbekannten Gott an. Seinen Zuhörern beschreibt er den biblischen Gott als den unbekannt von den Athenern verehrten Gott. Als er dabei auf die Auferstehung eingeht, wenden sich die Athener überwiegend ab. Es scheint so, als würde eine Mischung aus Realismus, Skepsis und religiösem Bedürfnis zwar ihr Interesse wecken, aber die Botschaft von der Auferstehung eine Überforderung darstellen.

Bis auf wenige scheitern die Athener an der zentralen christlichen Botschaft. Denn mit Tod und Auferstehung Jesu Christi beginnt das Christentum. Christlichen Glauben gibt es nur mit dieser Botschaft.

Ähnlich den Athenern damals sehe ich auch heute ein breites Bedürfnis nach religiösem Erleben, nach Spiritualität. Das Naheliegende, die christliche Botschaft von Jesus Christus, ist manchen Zeitgenossen fremd geworden. Sie suchen an anderer Stelle. Ich wünsche es allen Menschen, dass sie für sich eine gute Lösung finden. Irgendwann muss jeder Mensch hierzu eine Entscheidung treffen. All denen, die noch auf der Suche sind, wer denn wohl ihr unbekannter Gott sein möge, können wir als Christen die gute Botschaft von Jesus Christus anbieten. Vielleicht stimmen sie dann mit ein in den Osterjubel über die Auferstehung. Diesen Jubel nimmt der kommende Sonntag mit seinem Namen bereits auf: Jubilate!

Stimmen wir mit ein in den fröhlichen Jubel!

 

Georg Ziegler, Pastor

Text: Apostelgeschichte 17,22-34

Wort zum Sonntag Miserikordias Domini (18.4.2021)

Psalm 23

Der HERR ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Der heutige Sonntag trägt den Namen: Misericordias Domini, das heißt: Barmherzigkeit Gottes.

In vielen Texten für diesen Sonntag wird das Bild vom guten Hirten zur Sprache gebracht und ausgelegt.

Der Psalm 23 ist vielen vertraut und bringt etwas zum Klingen.

Psalmen gehören zu den ältesten Gebeten, mit denen wir als Christen gemeinsam mit Juden unseren Gott anbeten. Und wenn wir den Psalm 23 beten, dann machen wir uns die Bilder und die Sprache des Psalmes zu eigen: Der Psalm nimmt mit auf einen Weg durch die Bilder der Natur.

Wir sehen auf einen guten Hirten, der dafür sorgt, dass es an nichts fehlt.

Wir betrachten und lauschen auf die grünen Wiesen und die frischen Bäche, die den Betenden stärken und erfrischen.

Wir schauen auf den Weg, der durch ein dunkles Tal führt, aber auf einer weiten Wiese endet, wo der Hirte wartet und für alles sorgt.

Mit seinem Hirtenstab und einem kräftigen Stock ist er bereit, die Seinen vor den Angriffen der Feinde zu beschützen.

Und dann steht da ein vorbereiteter Tisch; dort ist ein Essen zubereitet, und der Beter spürt: Ich werde bewirtet. Für mich ist gesorgt. Ich habe ein Zuhause.

Der Psalmbeter beginnt, indem er Gott und Gottes gutes Tun mit vielen Sätzen beschreibt.

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er erfrischt meine Seele.

Er führt mich auf der richtigen Straße, um seines eigenen Ansehens willen.

Er beginnt mit dem Lob Gottes. Und indem er das tut, schaut er zuerst nicht auf sich selbst, sondern auf den Gott, auf den er sich bezieht. Er setzt sich in ein Verhältnis zu Gott und weiß, dass Gott größer ist als das, was er gerade denkt und fühlt.

Er beschreibt Gottes gutes Tun, weil Gott Gott ist und er nur ein Mensch, und weil Gottes Güte größer ist, als sein eigener Verstand es fassen kann. Er bettet seine eigenen Erfahrungen ein in den großen Strom der Erfahrungen seines Volkes Israel.

Etwas fällt auf, wenn wir dem Psalm folgen: Der Psalm wechselt von der dritten Person zum Du. In einem Aufsatz oder einem Gedicht in der Schule würde das vielleicht kritisch beäugt.

Hier aber ist es so wie bei vielen Psalmen: der Beter wechselt ganz unbekümmert zwischen Anrede und Beschreibung, Aussagen über Gott und Gespräch mit ihm hin und her.

Und das hat seinen Sinn:

Der Umschwung zum Du kommt da, wo es um sein eigenes Leben, seine Not geht.

„Und ob ich schon wanderte im finstren Tal“ – da stehen ganz unmittelbar Bilder vor Augen, eine dunkle Schlucht, ein finsterer Waldweg. Und das Bild verbindet sich mit Erfahrungen des eigenen Lebens. Ein dunkles Tal: Der Verlust eines Menschen, der einmal unser Leben geteilt hat. Eine Zeit der Krankheit, die wie eine dunkle Wegstrecke des Lebens wirkte und noch wirkt. Zeiten, in denen die Frage, ob die Kinder eine Arbeit finden und was sie anfangen in ihrem Leben bedrückend waren.

Du bist bei mir: Gott selbst wird angesprochen in dem Moment, wo der Psalmbeter sein Elend, seine eigenen dunklen Wegstrecken ansieht.

Und dann hören wir ein kräftiges: Ich fürchte kein Unglück, dein Stecken und Stab trösten mich.

Wie staunend entdeckt ein betender Mensch Gottes Wirken mitten in seinem eigenen Leben.

Weiß sich bewahrt, geführt und geschützt. Es ist sicher kein Zufall, dass da die Vergangenheitsform steht. Im Blick zurück, in der Ruhepause des Gebetes ist es dem Psalmisten möglich, den eigenen Weg zu sehen und Gottes Begleitung darin aufzuspüren.

Wenn wir den Psalm beten, leihen wir uns seine Zuversicht, seinen Glaubensmut, um unseren Fragen und unsere Ängsten eine Antwort entgegen zu stellen.

Versuchen Sie doch einmal, den Text in einer Collage mit ihre eigenen Gedanken zu verschränken. Etwa so:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Heute stimmt das. Mir geht es gut, ich bin gesund, ich habe mein Auskommen. Gott sei Dank. Aber was kommt noch alles auf uns zu? Was ist mit den Menschen, die jetzt Mangel leiden, krank sind, Angst vor der Zukunft haben. Wie erleben sie Gott?  

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser.

Frisches Wasser ist keine Selbstverständlichkeit. Ich erinnere mich, wie trocken das letzte Frühjahr war. Wer einen Garten hat, muss ich um ihn sorgen. Sorgt Gott sich um mich auch wie ein Gärtner? Wo finde ich für mich frisches Wasser?

Er erfrischt meine Seele.

Ich erlebe gerade in dieser Zeit auch, was diese Frische ausmacht: Gespräche, Nähe, Gebet. Frische für die Seele.

Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Ich gehe meinen Weg. Manchmal bin ich unsicher, wohin er mich führt. Aber ich gehe.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

In dunklen Zeiten sehe ich oft nicht weit. Nur der nächste Tag zählt und ob man in der Nacht schlafen kann. Dann fürchte ich mich. Aber anschließend bin ich bisher immer wieder aufgestanden. Danke Gott, dass du mich hältst.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Habe ich Feinde? Ich wüsste es nicht. Wer sich Feinden gegenüber sieht, verändert sich. Gott aber deckt in aller Seelenruhe einen Tisch.

Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Was für ein Wohlgefühl, was für ein Wohlleben: Mir wird eingeschenkt, ich werde gepflegt und umsorgt.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Hier bleibe ich. Hier atme ich auf. 

Amen

 

Pastorin Birgit Spörl, Ritterhude

Wort zu Ostern

Ostern ist das Fest der Auferstehung. Es wird immer wieder davon erzählt, dass das ein Ding der Unmöglichkeit sei, und deswegen nicht glaubhaft.

Dennoch ist die Geschichte seit Menschengedenken voll von solchen Erzählungen, Man denke nur an die Auferstehung des Phönix aus seiner Asche, oder auch an die alte Hymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen ...“

Auferstehungsgeschichten und Mythen sind also nichts Ungewöhnliches und wollen erzählt werden. Sie wollen einem Mut machen oder auch von den verborgenen Kräften in der Natur erzählen, wie das Beispiel des Phönix zeigt.

Jesus selbst erzählt vom Korn, das in die Erde fällt, dass es dort sterben muss, um ein neues Leben hervor bringen zu können. Entscheidend bei der Erzählung Jesus ist dabei die Verwandlung in etwas Neues. Im Gegensatz zur Auferstehung des Phönix aus seiner Asche betont Jesus, dass aus der Korn ein Halm und aus dem kleinen Senfkorn ein Baum wächst, also etwas ganz anderes entsteht. Beim Phönix gibt es diese Verwandlung nicht. Der zur Asche gewordene Phönix erwacht wieder als derselbe.

Bei den Erzählungen über den gekreuzigten Jesus als den Auferstandenen erscheint er in einer ganz neuen verklärten Gestalt. Thomas erkennt ihn schließlich nur an seinen Wundmalen. Bei der Geschichte der Emmaus Jünger wird Jesus zunächst auch nicht erkannt, erst als er mit ihnen das Brot bricht. Und als Maria Magdala Jesus am Ostermorgen begegnet, erkannte auch sie ihn nicht. Erst als er ihren Namen ausspricht, versteht sie wer vor ihr steht.

Jesus begegnet allen in einer neuen und verklärten Gestalt. In den Auferstehungserzählungen ist das der Hinweis auf eine Neuschöpfung. Es wird nicht das Alte wiederhergestellt, wie es die Geschichte des Phönix aus der Asche erzählt. Jesus begegnet den Menschen in einer neuen Gestalt, aber doch schließlich erkennbar als Jesus.

Wir können diese Erzählung auch in unsere Zeit übersetzen. Die Pandemie als tödliche Krise stellt uns vor neue Herausforderungen. Vielen ist klar, dass es nach der Krise nicht darum gehen kann, das Alte wieder herzustellen. Wenn wir nach der Krise wieder „erwachen“, dann in einer veränderten Form. So wie wir vor der Krise gelebt haben, können wir nach der Krise nicht weiter leben. Es muss sich was verändern.

Das ist die Herausforderung. Dass es so gelingt, ist nicht zwingend. Es gibt Kräfte in der Gesellschaft, die lieber von der Auferstehung des Phönix aus seiner Asche erzählen wollen, also das Alte wieder hergestellt werden möge. Die Ostererzählungen schlagen einen ganz anderen Weg ein. Sie erzählen von der neuen Gestalt des Lebens.

Pastor Martin Rutkies

Wort zum Sonntag Judika (21.März 2021)

Hiob 19, 19-27

Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen! 

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

 

So harte, so schmerzliche Worte lesen wir an diesem Sonntag.

Manchmal möchte ich solche Texte am liebsten ausklammern.

Aber heute will ich mit ihnen näher hinsehen.

Wir hören sie von Hiob, einer Figur des Alten Testaments.

Wir hören in drastischen Worten von seinem Leid: Von den körperlichen Schmerzen und seiner Versehrtheit. Das Fleisch zerschlagen, nur noch das nackte Leben.

Und wir hören von seinem seelischen Schmerz: In allem fühlt er sich von Gott verlassen; ihm klagt er nicht nur sein Leid, ihn klagt er an.

Und das dritte: „Meine getreuen Freunde haben sich gegen mich gewandt“, so beginnt der Predigttext. Auch sie verlassen ihn, denn als er seine Klage gegen Gott wendet, halten sie Gegenrede: „So darfst du nicht reden!“ so sollst du nicht denken!

Sie wollen ihn beschwichtigen, sie halten ihm vor, dass er sich nicht mit Gott anlegen darf. Aber dadurch wird Hiob noch einsamer. Er sagt: Nun bin ich von allen verlassen. Auch meine Getreuen wenden sich gegen mich.

Ich denke an Jesus in Gethsemane. Wie er betet: mein Gott, lass diesen Kelch des Leids an mir vorübergehen! Und die Jünger schlafen.

Ich denke an Jesus am Kreuz: Mein Gott, warum hast du mich verlassen!? Und die Jünger sind weggerannt.

Wo war Gott?

 

Bei Katastrophen, Unglücken, auch jetzt wird die Frage gestellt:

Wie kann Gott das zulassen, was geschieht?

Hiob fragt und klagt noch mal anders.

Er steht überhaupt nicht über den Dingen, sondern mittendrin. Er klagt Gott direkt an: Wo bist du jetzt?

Es sind deftige Worte, zum Nachlesen empfohlen.

Hiob will nicht darüber schweigen müssen, wie schrecklich es ihm geht, wie viele Schmerzen er hat. Und er schreit all das Gott in die Ohren.

Dem Gott, von dem er sich verlassen fühlt.

Er sagt: Gott sieht einfach weg, er schert sich nicht um mich.

Und das ist stark und furchtbar und macht alle verlegen. Die Freunde finden das zu aufmüpfig. Sie versuchen Gott zu verteidigen und lassen den Freund dabei im Stich.

Zu oft neigen auch wir dazu, uns selbst das Klagen, das Schreien nicht zu gestatten. Menschen, die ihr Schicksal tapfer tragen, werden bewundert. Wir wollen das Leiden beherrschen und beherrschbar machen. Und selbst im Trösten halten wir manchmal sozusagen Gott da raus: Er kann doch nichts für den Unfall, er hat das Auto nicht gelenkt, viele Katastrophen gründen auf der menschlichen Freiheit und so weiter.

Hiob tut es nicht. Gott ist schuld an seinem Elend und Gott soll es hören.

Laut. Aber: Er spricht nicht an Gott vorbei, sondern alles hin zu ihm.

Hiob hält in all seiner Gottverlassenheit stärker an Gott fest als die Freunde.

Er macht Gott nicht zu einem fernen Weltenlenker. Er hält an ihm fest, schreit dem, den er nicht sehen kann, die Worte entgegen.

Und da bricht immer wieder Hoffnung durch.

Ich weiß, das mein Erlöser lebt – und er soll sich zeigen.

Hiob hat trotz allem die Hoffnung, das etwas bleibt von seinem Kampf und er hat Hoffnung auf Gott. Irgendwie. Ob in diesem Leben? Oder danach? Das bleibt offen. Da ist im Moment nicht mehr als die starke Sehnsucht, dass er da ist.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.

Hiob braucht den Streit mit Gott, um die Antworten zu bekommen, die er verdient.

Denn am Ende redet Gott.

Er bleibt souverän. Wehrt die Klage ab, aber nicht den Klagenden.

Er kommt Hiob nahe, nimmt ihn ernst.

Wehrt sogar den falschen Trost der Freunde ab, sagt: Hiob hat recht.

Und erst da sieht Hiob auch Gott wieder, nimmt Klage zurück.

Das Buch nimmt ein gutes Ende.

An dieser Stelle sind wir aber bei Hiob im Kapitel 19 noch lange nicht.

Hiob hält die Frage nach Gott offen. Und die nach dem Leid und dem Sinn.

Er klagt Gott vor Gott an.

Und teilt seine Hoffnung:

Ich werde Gott sehen, danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Mehr geht manchmal nicht.

So hören wir heute auf Hiob.

Schweigen an seiner Seite.

Stellen unsere Fragen nicht über Gott, sondern an ihn.

Geben der Sehnsucht nach Heil-werden auch unsere Stimme.

Und hoffen auf das, was mit Ostern begonnen hat.

Amen

 

Pastorin Birgit Spörl, Ritterhude

Wort zum Sonntag Lätare (14. März 2021)

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt

Die Schneeglöckchen blühen, Krokusse recken ihre Blätter und Blüten aus der Erde. Die Vorboten des Frühlings zeigen an: Die Natur erwacht aus der Winterstarre. Neues Leben regt sich.

Damit das möglich ist, müssen die Voraussetzungen schon im Herbst (oder noch früher) geschaffen werden. Ohne Blumenzwiebel gibt es weder Schneeglöckchen noch Krokusse. Wenn Bäume und Büsche ihre Energie nicht in der Wurzel speichern, können sie im Frühjahr nicht ausschlagen.

Im Johannesevangelium verwendet Jesus noch ein anderes Bild aus dem Bereich der Natur: Das Weizenkorn. Damit aus ihm neues Leben, eine neue Weizenpflanze entstehen kann, muss das Weizenkorn vergehen, also sterben. Dieses Bild aus der Natur verwendet Jesus, um auf seinen Tod und seine Wirkung hinzuweisen. Anders ausgedrückt: Nur wenn Jesus stirbt, kann er für viele neues Leben schaffen. Ohne den Tod am Kreuz gäbe es keine Auferstehung. Die Auferstehung Jesu Christi eröffnet dann aber für alle Christen den Zugang zur Auferstehung.

Im Johannesevangelium (12,24) wird das Sterben und der Tod Jesu sowie das neue Leben der Auferstehung mit dem Bild vom Weizenkorn beschrieben:

Jesus sagte: „Amen, amen, das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ (Basisbibel)

Das Sterben, der Tod ist die Voraussetzung für das Neue, das neue Leben.

Aber der Tod am Kreuz ist bitter, ein ganz schwerer Weg. Hier versagt das Bild aus der Natur. Hier kommt die zutiefst menschliche oder sogar göttliche Dimension hinein: Die Liebe zu uns. Nur diese Liebe macht Christus bereit und fähig, den schmerzvollen Weg ans Kreuz auf sich zu nehmen. Mit seiner Liebe überwindet er zugleich die Bosheit und Feindschaft derjenigen, die ihn ans Kreuz gebracht haben.

Für uns macht dieser Zusammenhang deutlich: Tod und Sterben bleiben unsere Wirklichkeit – mitunter auch mit schweren Begleitumständen, gerade in dieser Zeit -. Die Erfahrung von Tod und Sterben sind nun aber eingebettet, einbezogen in den großen Horizont der Liebe Gottes, wie wir sie in Jesus Christus besonders klar erkennen. Das Lied für den Sonntag Lätare nimmt die Verbindung auf vom Weizenkorn, das sterben muss, um Frucht zu bringen, und der Liebe.

Beides, das Lied wie der biblische Vergleich vom Weizenkorn eröffnen uns Hoffnung und Zuversicht, gerade auch über den Tod hinaus. Sie öffnen uns den Blick für die Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus zeigt, und uns im besten Falle zu Boten dieser Liebe macht.

Georg Ziegler, Pastor

 

Wort zum Sonntag Reminiscere (27. Februar)

Jesajas Weinberglied

Der Predigttext für den 28. Februar stellt selbst schon eine Predigt dar:

 

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jesaja 5,1-7)

 

Der Weinberg dient im ersten Testament als Bild für den geliebten Menschen. Hier allerdings geht es um eine Menschengruppe, um das Volk Israel. Israel hat die Liebe Gottes nicht erwidert. Nun droht eifersüchtige Strafe. Was der Prophet hier ankündigt ist nicht weniger als die Vernichtung des Volkes.

 

Als im September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im Osten Europas begann, begriffen viele Rabbiner dies als Erfüllung der jesajanischen Drohung. Nicht ohne Grund schickte Gott nun die deutschen Soldaten, die das jüdische Leben vernichteten. Die Schuld, die man sich selbst zuschrieb, bestand in der Anpassung an die Welt der gojim, der Völker bzw. der „Heiden“, wie Luther sagen würde, also in der Verleugnung des eigenen jüdischen Glaubens.

 

Rabbi Shlomoh Zalmahn Unsdorfer, Mitte September 1944 in Auschwitz ermordet, teilt diese Position: „Ihre Schulen sind uns verboten, sie verschlossen uns die Türen ihrer Universitäten. Dies war eine Maß-für-Maß-Vergeltung uns gegenüber. Wie häufig haben uns unsere schriftliche und mündliche Thora und alle Moralbücher davor gewarnt, uns von ihrer apokryphen Weisheit zu distanzieren, die voller Häresie und Atheismus ist? Sie verboten uns, ein Radio im Haus zu haben. Was haben wir zu tun mit der Unterhaltung der Völker und ihren sündigen Begierden?... Sie befahlen uns, gelbe Davidsterne zu tragen, um zu zeigen, dass wir Juden sind. Wegen unserer vielen Sünden (geschah dies, G.G.). Wie schämten wir uns doch unserer jüdischen Gewänder und Namen, unserer Fransen und der Mesusah an unseren Türpfosten, als es unsere Pflicht war, jedermann zu zeigen, dass wir der Same des gesegneten Gottes sind... Aus Scham vor den Völkern wollten wir auf keinen Fall an den Schläfenlocken an unserem Kopf erkannt werden. Nun haben die Bösen, um diesem zu begegnen, befohlen, dass jeder erkennen möge, dass wir Juden sind.“ (Katz, Wrestling with God, S. 54f.)

 

Beim Lesen des jesajanischen Predigttextes fällt auf, dass die Personen hier seltsam schillern: Wer ist der Erzähler? Wer ist der „Freund“? Handelt es sich um Gott selbst, der hier bald das Wort führt, der dann auch selbst Rache nimmt?

 

Ähnlich ergeht es mir, wenn ich Positionen der osteuropäischen Rabbiner zur Zeit des Holocaust betrachte: Während die deutsche Vernichtungspolitik bei Unsdorfer noch das Werk „der Bösen“ ist, so gibt es andere Fromme, die die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie sogar als Werkzeug Gottes begreifen.

 

Welche Rolle nimmt Gott während der Schoah ein? Ist er der Rächer, der die – eigentlich besonders frommen - osteuropäischen Juden für deren Schuld straft? Oder leiden diese nur stellvertretend etwa für das amerikanische Judentum, das wesentlich stärker assimiliert war und immer noch ist? Sind die vernichteten Juden gar die leidenden Gottesknechte (vgl. Jesaja 53ff.), also die Gerechten, die stellvertretend für den Rest der Menschheit Schuld übernehmen? Oder stellte die Zeit des Holocaust schlicht eine Zeit der „Gottesverdunkelung“, der Abwesenheit Gottes dar?

 

Diese Fragen sind der heutigen jüdischen Bevölkerung Israels eher fremd. Sie haben keinen Platz im Selbstbewusstsein eines jungen wehrhaften Staates. Überlebende des Holocaust trauen sich oftmals nicht einmal, die auf ihren Unterarm tätowierte Nummer aus dem KZ zu zeigen. „Nie wieder Massada“, mit diesem Schwur werden Israels Soldatinnen und Soldaten vereidigt. Nie wieder eine Niederlage, wie sie den besiegten Juden in der Bergfestung Massada am Toten Meer 74 n. Chr. durch die Römer widerfuhr, oder eben im Holocaust. Ist der heutige Gott Israels ein Gott der Stärke um jeden Preis, auch um den Preis der Ungerechtigkeit?

 

Gert Glaser.

Wort zum Sonntag Invokavit (22. Februar 2021)

Über Verrat und Liebe                                                                                                                                                

„Einer von euch wird mich verraten.“ sagt Jesus zu seinen Jüngern an seinem letzten Abend mit ihnen. Sie waren versammelt, um das Passahmahl zu feiern. „Der ist´s, dem ich den Bissen eintauche und gebe.“ heißt es im Johannes-Evangelium. (Johannes 13,21-30 ist Predigttext für den Sonntag Invokavit).  Die Jünger sind in Aufruhr. Auf dem berühmten Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci ist dieser Moment dargestellt. „Wer ist der Verräter?“ „Bin ich es?“ Diese Fragen spiegeln sich in den Gesichtern der Jünger wider.                                                                        Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden schaue ich gerne das Bild an zum Einstieg in das Thema Gemeinschaft und das Hl. Abendmahl. Das Bild hilft, sich der ungeheuerlichen Passionsgeschichte, Jesus Leidensweg ans Kreuz zu nähern. Jesus hatte es mehrmals seinen Jüngern angekündigt, dass er werde sterben müssen. Ihre Gemeinschaft würde zu Ende gehen. Aber das konnten sie nicht fassen und glauben.  Nun kündigte er an, dass er von einem aus der Gemeinschaft verraten werden würde.                                      

 Verrat – das ist der größte Vertrauensbruch überhaupt. Jemand bricht aus, verletzt die verabredeten Spielregeln einer Gemeinschaft, einer Beziehung, wechselt die Seite, verrät ein Geheimnis. Hochverrat, Landesverrat heißt es auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Spitzel kennen wir aus der Zeit der DDR-Regimes. Aber auch Ehepartner fühlen sich verraten, wenn sie betrogen werden. Kinder fühlen sich verraten, wenn Geschwister oder Freunde ein Geheimnis nicht bewahren konnten. Erinnern Sie sich (Ihr Euch) daran, wann Sie sich (Ihr Euch) mal verraten gefühlt oder jemanden verraten haben (habt). Als erstes fällt mir dazu ein: „Da will ich gar nicht (mehr) dran denken.“ Das sind böse Erinnerungen, die immer noch weh tun.

Auch die Passionsgeschichte besteht aus Geschichten, die wehtun. Sie erzählen von Jesu Leidensweg und seinem Tod am Kreuz. Der heutige Sonntag Invokavit ist der erste von 6 Sonntagen in der Passionszeit, in der wir uns an diese Geschichten erinnern.                                                                                               

   Die Geschichte von der Ankündigung des Verrats in der Version des Evangelisten Johannes macht in diesem Jahr den Anfang. So sind wir in der Passionszeit eingeladen, den Schattenseiten des menschlichen Zusammenlebens nachzugehen. Neben Verrat zählen ja z.B. Machtstreben, Egoismus und Gewalt dazu. Sie gehören zur Kehrseite der Liebe.

Was Liebe bedeutet, haben wir durch Jesus und die Gemeinschaft mit seinen Jüngern, durch die Geschichten im Neuen Testament erfahren. Es gibt Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Die Liebe ist der Weg zu Vergebung und Versöhnung. Ihre Bedeutung wird nur erfassen, wer auch die Kehrseite kennt.                                                                                    „Einer von euch wird mich verraten.“ sagt Jesus zu seinen Jüngern und jeder fühlt sich angesprochen. „Bin ich es?“ Denn die Jünger wissen wohl um die Schattenseiten eines jeden Menschen und wie Beziehungen und Leben durch sie zerstört werden können.                                                                                    

Es gibt eine Legende zu der Entstehung des Abendmahlsbildes von L. Da Vinci, die davon erzählt. Der Maler hatte für die Gesichter der Jünger Menschen aus Mailand als Modelle ausgesucht. Am Ende fehlten ihm nur noch die Gesichter von Jesus und Judas. Für Jesus fand er einen jungen Mann, „aus dessen Antlitz eine durchscheinende, beinahe jenseitige Reinheit leuchtete“. Bis er dann ein Modell für Judas fand, vergingen viele, viele Jahre. Dann fand er „einen Mann mittleren Alters mit zerquälten Zügen und Augen, die nichts mehr erwarteten“. Als er ihn fertig gemalt hatte, sagte dieser Mann zu ihm: „Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt. Ich habe dir vor langer Zeit schon einmal Modell gesessen.“ und er zeigte auf das Gesicht von Jesus.                       

Die Legende weiß von der Spannung in uns Menschen, von den guten Seiten und den Abgründen im menschlichen Leben und scheut sich nicht, diese mit Jesus und Judas in Verbindung zu bringen.  „Eigentlich müsste Judas heiliggesprochen werden.“ schrieb Walter Jens, ein Philosoph und Schriftsteller. Ohne ihn wüssten wir nicht von Jesu Tod und Auferstehung. Ohne ihn gäbe es nicht die Verkündigung des Glaubens, dass die Liebe die stärkste Kraft ist, die den Tod überwindet. 

Anke Diederichs, Pastorin in Scharmbeckstotel und Ritterhude

Wort zum Sonntag Sexagesimae (7. Februar 2021)

Karneval, Fasching? – Das feiern wir hier wenig und Faschingssonntag ist auch noch nicht da. Dennoch. Fasching bildet ja eine Art „Zwischenzeit“,

schon wieder eine Zwischenzeit, ja, das gibt es immer wieder, diesmal im „Kirchenjahr“ zwischen der „Epiphaniaszeit“ und der Passionszeit.

Zudem sind wir in der Willehadigemeinde auch in einer Zwischenzeit:

am letzten Sonntag, 31. 1. haben wir Pastor Eckhard Gering in den Ruhestand verabschiedet – und in einer Woche, am 14. 2. wird Pastor Henning Mahnken in sein Amt hier eingeführt. Kurz durchatmen dazwischen. Und warum nicht ein bißchen Karneval.

Da werden „Büttenpredigten“, meist gereimt, gehalten. Was ist denn eine „Bütt?“, frage ich eine Schweizer Freundin, „ein Faß“, sagt sie und in wikipedia steht:

Die Bütte, die Butte, die Bütt, der Zuber oder das Schaff ist ein großes Gefäß von runder oder ovaler Form ohne Deckel. In der Regel sind diese Gefäße breiter als hoch. Bütten werden traditionell bei der Papierherstellung oder beim Weinbau verwendet.

Oder um Reden unterschiedlicher Art zu schwingen.

Worte. Die Macht von Worten. Zu Fasching ist komische, kritische, bissige Gesellschaftskritik besonders willkommen. Was ändert das? Vielleicht nicht viel, vielleicht einiges? Menschen wachen auf, kriegen auf einmal etwas mit, das sie nie bemerkt haben oder noch besser: beginnen zu denken, eigenständig und selbst zu denken.

Denn aus dem Staunen kommt das Fragen und das Denken. Worte können uns tief beeindrucken; uns manipulieren; uns trösten; uns aufmuntern und stärken. „Auf dein Wort hin“, sagt ein erfahrener Berufsfischer zu Jesus, der von Fischfang keine Ahnung hat, will ich – gegen jede Fischererfahrung – nochmal am Tage herausfahren und mein Netz auswerfen. Und das Netz wurde voll. Leben in Fülle auf Jesu Wort hin. Welch Kraft darin liegt!

 

Nicht jederzeit können wir gute Worte auch aufnehmen. Jesus erzählt dazu ein Gleichnis (Lukasevangelium 8, 4-8). Aber dann fällt auf einmal ein gutes Wort tief in unsere Seele – und bringt etwas in Bewegung in uns. Es fällt vielleicht damit eine lang getragene Last von uns ab – oder es kommt uns ein ganz neuer Gedanke – wir atmen auf –oder ein oder durch!

Immer wieder hat Gottes Wort Menschen bewegt, ihr Leben verändert oder Menschen gestärkt und getröstet. In einer Büttenpredigt 2020 (gekürzt und verändert) erzählt Pfarrer I. Maybach, Frankfurt/ Main von Gott und seinem Wort, das in immer anderer Form zu uns spricht, vom Himmelreich – und von Narren.

Liebe Gemeinde, ich sag es euch gleich:

Den Narren gehört das Himmelreich.

 

Das heißt: wenn wir rechte Narren sind,

nehmen wir Gottes Reich an, wie ein Kind,

das die Hände voll Hoffnung zum Vater hebt,

weil es aus seiner Liebe lebt.

 

„Vater unser im Himmel“, so beten wir schon

seit 2000 Jahren, weil damals sein Sohn

so zu beten lehrte. Doch: es ist auch nachzulesen,

daß Gott bereits anfangs nicht nur im Himmel gewesen.

 

Denn am Anfang schuf Gott Himmel und Erde

und das Licht: auf daß es heller werde.

Er schied die Wasser, den Tag von der Nacht,

hat Pflanzen, Tiere und Menschen gemacht.

 

Im Paradies kam es, daß wir Menschen mehr Erkenntnis wollten,

doch vom Baum der Erkenntnis nicht essen sollten.

Wir aßen dann doch; aus Neugier und weil:

der Wissensdurst ist halt von uns ein Teil.

So sind wir aus dem Paradies geflogen

und meinten, Gott habe sich vornehm zurückgezogen.

 

Weil Gott nun nicht mehr so nahe dabei,

hieß es fortan, daß er wohl im Himmel sei.

Wollte man mit ihm reden, was machte man da?

Hände und Herzen zum Himmel – Halleluja!

 

Die Probleme wuchsen seit Kain und Abel,

es gab Mord und Totschlag und den Turmbau zu Babel.

Gott sah: was so gut war, war gar nicht mehr gut…

Und zur Reinigung sandte er eine große Flut.

Als sich nach der langen Flut die Wolken verzogen,

stand am Himmel der erste wunderschöne Regenbogen.

Ihn gab Gott als Zeichen für seinen Bund der Treue,

daran sich jeder von Noah bis heute freue!

 

Es gibt noch viele andere alte Geschichten,

sind sie nicht veraltet? – nein, mitnichten!

Sie sprechen mitten in unser Leben hinein –

und so soll es sein.

 

Liest du mal alle Psalmen, weißt du, wenn du fertig bist,

daß Gott überall gegenwärtig ist,

selbst wenn man unter die Erde geht, wie es in Psalm 139 steht.

 

In Psalm 121 wiederum hebt

ein Beter, der fest im Glauben lebt,

seine Augen zu den Bergen empor:

Hilfe, Hilfe kommt mir woher?

Hilfe kommt von Gott, der alles Leben ernennt,

so wird es sichtbar und man erkennt:

Gott ist mit seinem Wort in seiner Schöpfung präsent.

 

Wer das erlebt, der ist gut dran,

der spürt Gottes Nähe – vielleicht auch nur dann und wann-

und er kann zuversichtlich vor Gott hintreten

und für alles umfassend beten.

 

Es geht nun darum, dazu beizutragen, daß hier, auf der Erde,

Gottes Reich heute schon sichtbar werde.

Denn es ist noch nicht da, hat aber längst begonnen

und, ich sag es euch klar: nicht nur für die „Frommen“!

 

Wie das Himmelreich ist, hat uns Jesus geschildert,

mit Geschichten und Gleichnissen hat er es bebildert.

So ist zum Beispiel das Himmelreich

einem winzig kleinen Senfkorn gleich.

Erst wird es gesät in die Erde

auf daß daraus eine Pflanze werde.

Und mit Gottes Hilfe wächst es dann

so hoch, daß es Schatten gibt und Vöglein Schutz bieten kann.

 

Wir hören das Gleichnis und lernen daraus:

In kleinen Schritten breitet der Himmel sich aus.

Es fängt bei einem jeden an,

daß Gottes Reich weiter wachsen kann.

 

Es geht um unsere Mitarbeit

für Frieden, Liebe und Gerechtigkeit.

Die Kraft dafür ist in Gott schon da:

und es bleibt doch immer ein Wunder, das ist ja klar.

 

Und Samen sät Gott reichlich aus

sein Wort an allen Orten, auch in diesem Haus,

viele helfen mit und sagen es weiter,

nur – überall geht es nicht auf – lei(t)der!

 

Es ist ein – oft mühsamer! - Weg in kleinen Schritten

und wir dürfen jederzeit Gott um Hilfe bitten.

Die kleinen Schritte fallen auch nicht immer leicht

manchmal scheint es, daß man gar nichts erreicht.

Manchmal erntet solche Arbeit auch nur Spott:

„Ihr macht euch zum Narren für den lieben Gott!“

 

Liebe Gemeinde, ich sag es euch gleich:

Solchen Narren gehört das Himmelreich!

Sie hießen oft Narren, die, die zu Jesus kamen:

 Füße fest auf der Erde und Herzen im Himmel – Halleluja – Amen!

 

Pastorin Susanne Bömers, St. Willehadi