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Wort zum 16. Sonntag nach Trinitatis

„Ihr braucht aber Geduld…“ Die Bibel, Hebräer 10,36

Eines der seltsamsten Märchen der Gebrüder Grimm geht so:

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, musste ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bisschen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der der Schlüssel wäre, müsste auch ein Schloss dazu sein, grub in die Erde und fand ein eisernes Kästchen. Wenn der Schlüssel nur passt, dachte er. Es sind gewiss kostbare Sachen in dem Kästchen. Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, dass man es kaum sehen konnte.

 Liebe Lesende!

Was meinen Sie? Was ist drin in dem eisernen Kästchen? Ob der Schlüssel überhaupt passt?

 „Sehr witzig“ - ich höre es sie denken, murmeln, sagen - „eine Geschichte zu unterbrechen - damit die Spannung steigt. Kennen wir, diesen Trick. Nun erzähl schon weiter. Oder was soll das hier werden? Jetzt wollen wir auch wissen, was drin ist.“ 

 …. Gut, gut.

 Also - der Junge probierte und der Schlüssel passte glücklich. Da dreht er einmal herum, und nun …

 Warum fällt das so schwer? Jetzt noch einen Moment zu warten? Geduld. Üben Sie sich doch ein wenig in Geduld.

 „Geduld - wozu das denn! Du erzählst doch hier diese Geschichte, machst uns den Mut wässrig, schaffst dieses Bild vor unserem inneren Auge. Worauf warten. Flugs zuende erzählt und … wir sehen das eisernen Kästchen doch praktisch schon geöffnet vor uns. Los, das Ende jetzt.“

 … Gut, gut..

 Da dreht er einmal herum, und nun …müssen wir warten…

 Geduld ist eine Tugend. Das weiß man schon lange. Aber auch moderne psychologische Forschungen unterstreichen das. Vielleicht haben Sie schon einmal von dem berühmten Marshmallow-Experiment gehört. Der Psychologe Walter Mischel - von Geburt Österreicher - aber er lehrte Psychologie in den USA - legte einzelnen kleinen Kindern einen Marshmallow auf den Tisch. Dann erklärte er ihnen, sie könnten die begehrte Süßigkeit gleich essen oder einen Moment warten, dann bekämen sie zwei. Er müsse nun für einen Augenblick den Raum verlassen, sagte er und ging.

 Manche der Kinder griffen sofort zu, andere überwanden sich, warteten und übten Verzicht mit dem Ziel, später auch den zweiten zu bekommen. Das Bemerkenswerte - Jahre und Jahrzehnte später hat man die inzwischen erwachsen gewordenen Kinder wieder befragt. Und - es zeigte sich ein auffälliger Zusammenhang. Die, die warten konnten, hatten diese Haltung auch in ihr Erwachsenenleben bewahrt und - fuhren gut damit. Signifikant erfolgreicher, beständiger, zufriedener verlief ihr Leben im Vergleich zu denen, die sich keine Zeit ließen.

 Geduld sei, sagen die Forscher heute, ein Element von Glück, sei eine gelungene Mischung aus Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz und Ausdauer. Wer genauer hinsehe, den richtigen Moment abpasse, nicht auf vordergründige Lösungen verfalle, sich die nötigen Bedingungen zum Handeln verschaffe - der habe definitiv bessere Karten für sein Leben.

 Ich nehme an, Sie haben es inzwischen aufgegeben, dass sie das Ende des Märchens erfahren. Sie denken sich resigniert oder wütend, dass ich das künstlich hinauszögere. Aber ich verheimliche Ihnen nichts. Der Originaltext des Märchens ist so:

 Er probierte und der Schlüssel passte glücklich. Da dreht er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat…

 Warten können - natürlich werden Sie bei diesen Betrachtungen mitdenken, was wir gerade erleben - die wachsende Ungeduld mit unserem Corona-Leiden. Die zunehmende Gereiztheit und Spannung - „weg, weg damit!“

 Wir als Christen sind nun allerdings von Anfang an doch eigentlich geschult im Warten. Mit Jesus fängt das Reich Gottes an. Das ist übereinstimmender Glaube des Neuen Testaments. Aber - es ist noch nicht da. Paulus schreibt dann noch mal grundsätzlich: „Wir sind gerettet durch Christus auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung, denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.“

 Leben ist nach vorn offen. Zukunft ist ungewiss, aber voller Möglichkeiten. Darum brauchen wir auch Geduld, um zu verstehen, was Zukunft baut. Geduld, um zu verstehen, was das Leiden an Corona für uns bedeutet und uns auch erschließt.

In einer Gesellschaft, die auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung durch Konsum und immer verfügbare Kommunikation trainiert ist, ist allein das eine neue Herausforderung - warten können.

 Und nun der ganze letzte Satz des Märchens im Original:

Da dreht er einmal herum und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.

 … Ehrlich. Es ist zu Ende. Weiter geht es nicht - das Märchen, das uns zwischen den Zeilen nach unserer Fähigkeit zur Geduld fragt und damit auch nach der Kraft unserer Hoffnung.

 (Märchen Der goldene Schlüssel, Gebrüder Grimm)

 Eckhard Gering, Pastor an St. Willehadi

Wort zum 15. Sonntag nach Trinitatis

Zum 20. September 2020

„Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube“. Manche halten es für einen Zauberspruch, was dort am Grab von Pastorinnen und Pastoren gesprochen wird, während sie jeweils eine Hand voll Erde in die Gruft werfen. Eine Beschwörungsformel mit dem Ziel: „Bleib bloß, wo du bist!“ Alte, mittlerweile abgelegte Bestattungsrituale unterstreichen die Angst vor der Wiederkehr der Verstorbenen und ihrem unsäglichen Treiben.

Im Predigttext des Sonntags heißt es: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Hauch des Lebens in seine Nase.“ Um die Wesensverwandtschaft von Mensch und Erde zu unterstreichen, nennt die hebräische Bibel den Menschen ‚Adam‘ und den Erdboden ‚Adamah‘. Anhänger einer ganzheitlichen Weltsicht werden sich nun darin bestätigt fühlen, dass Erde, Mensch und Mitgeschöpfe nicht zu trennen sind. Das stimmt sicherlich. Wir sind angewiesen auf die Erde. Es gibt keinen ‚Plan(eten) B‘. Was den frühen Hörern des Predigttextes vermutlich sehr viel näher kam als unser spätes ökologisches Erwachen ist jedoch das Lebensgefühl, das sich in der Verbundenheit von Mensch und Erdboden widerspiegelt. Gerade in der Zeit König Salomos wurde die Landbevölkerung ausgebeutet. Der Bau von Verteidigungsanlagen rund um das Riesenreichs seines Vaters David, die neuen Heerstraßen zur schnellen Verlegung der Truppen und die Errichtung eines repräsentativen Tempels in der Hauptstadt Jerusalem verschlangen gewaltige Geldsummen. Drastisch erhöhte Steuern stürzten die Landbevölkerung ins Elend. Die Sprache der Schöpfungsgeschichte brachte ihr Schicksal auf den Punkt: „Für den König sind wir nicht mehr als Erde, Schmutz und Staub.“ Aber diese uralte Geschichte hatte neben allem Realismus auch etwas Positives, etwas, dass ihnen Mut machte und Kraft gab. Denn sie sagte Ihnen, dass ihre Bestimmung ganz anders aussah. Als Gott den Menschen schuf, gab es nicht die Unterscheidung zwischen König und Bauer. Alle Menschen waren gleich. Gehört hatten sie aus den Erzählungen benachbarter Völker, dass dort die Menschen zur Versorgung der Götter da waren. Der Gott Israels hingegen versorgte seine Menschen, indem er ihnen einen paradiesischen Garten Eden pflanzte. Gott sorgte noch für sie, als er sie bereits aus diesem Paradies vertrieben hatte, indem er ihnen wärmende Kleidung gab. Wenn selbst Gott für seine Menschen sorgt, wie kommt dann der König dazu, das krasse Gegenteil zu tun? Ausbeutung statt Fürsorge!

Jesus sagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben als Lösegeld für viele gebe“ (Markus 10,45). Wenn man sich den Regierungsstil einiger der heutigen Potentaten ansieht, dann ist diese 2000 Jahre alte Erklärung geradezu revolutionär. Wegen anstehender Wahlen wird die Corona-Epidemie kleingeredet. Präsidenten, die um ihre Beliebtheit fürchten, gehen buchstäblich über Leichen.

Viel hat sich nicht geändert seit den Zeiten des Königs Salomo. Aber das Überschießende der biblischen Botschaft bleibt und will uns Mut machen.   

Pastor Gert Glaser, St. Willedadi Osterholz-Scharmbeck

Wort zum Sonntag 6. September 2020

Der einfühlsame Samariter

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37) zählt zu den bekanntesten Erzählungen Jesu im Neuen Testament.

„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn, und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.“ (Lk 10,30).

Dieser Vers wirkt auf mich wie eine ultra-kurze Zeitungsmeldung mit äusserst dramatischem Inhalt.

Es wird nicht gesagt, was für ein Mensch es war, der von den Räubern überfallen wurde. Es war wohl ein Mann. War er reich oder arm, jung oder alt? Ich stelle mir vor, was dieser Mensch während und nach diesem lebensbedrohlichen Raubüberfall gedacht und gefühlt haben könnte. Vielleicht:

Ich weiss, dass diese Strecke gefährlich ist, der Weg vom Gebirge hinab in das Jordantal von Jericho. Ich habe keinen Weggenossen als Schutz gefunden und gehe meinen Weg nun allein. Ich habe Angst. In dieser Gegend ist schon so viel Schreckliches passiert! Plötzlich greift mich jemand, ein anderer drückt mich zu Boden, mein Kopf schlägt auf. Sie halten mich fest, entreissen mir meine Tasche, schlagen mich in den Bauch, ins Gesicht. Sie verdrehen mir Arme und Beine, ziehen mir all meine Kleidung vom Leib. Mir wird schwarz vor Augen. Dann ist es still, ich kann mich nicht bewegen, unerträglicher Schmerz. Ich versuche zu schreien, aber es kommt keine Stimme aus mir heraus. Ich kriege kaum Luft, die Sonne verbrennt meine nackte Haut, meine offenen Wunden.

Doch da höre ich Schritte! Ich versuche, meine Arme zu heben, zu rufen, schaffe es aber nicht. Der Mensch wird mir helfen, vielleicht werde ich doch überleben... die Schritte entfernen sich, ich kann es nicht glauben, ist er tatsächlich vorbeigegangen? Wie kann jemand das tun?

Nun ist es aus... ich weiss nicht, wieviel Zeit vergangen ist... wieder Schritte... oh, bitte, bitte...ich kann meine Augen etwas öffnen, sehe einen Mann kommen, aber er geht einfach weiter! Vielleicht denkt er, ich bin schon tot? Ich lebe noch! Ich will um Hilfe rufen, aber es kommt nur ein Wimmern aus mir heraus. Die Schritte verklingen und dann wieder diese Stille.

An diesem Moment verliere ich allen meinen Lebensmut. Ich habe unendlichen Durst. Ich weiss nicht, wieviel Zeit vergangen ist.

Irgendwann wieder Schritte. Ich wage es nicht mehr, zu hoffen.

Ich spüre eine sanfte Berührung. Wasser rinnt in meinen Mund. Und dann Wein, unendlich köstlich. Bin in nun im Paradies? Ich spüre sanfte Berührung, wohltuendes Öl auf meiner Haut, beruhigende Worte. Ich werde auf ein warmes grosses Reit-Tier gelegt, meine Arme umklammern das weiche Fell, eine Decke umhüllt mich, und die schaukelnden Bewegungen und das Klack Klack der Hufen wiegen mich in den Schlaf. Es wird nun alles gut, sagt mir mein Retter ... dann liege ich in einem Bett. Wie bin ich hierher gekommen? Ich schlafe so tief ... als ich aufwache, sitzt mein Retter neben mir, lächelt mich an. Er reicht mir kleine Häppchen köstliches Brot und Früchte und immer wieder einen Becher mit frischem Wasser. Er sagt, ich kann hier in dieser Herberge so lange bleiben, bis ich wieder gesund bin, er habe im voraus dafür gesorgt und bezahlt...“

Warum hatten die beiden anderen Menschen, die vorübergingen, jegliche Hilfe unterlassen? Anscheinend konnten - oder wollten - sie nicht die Perspektive ihres Gegenübers wahrnehmen. Ihnen fehlte das Einfühlungsvermögen, welches Leiden im anderen Menschen vorgeht - und auch, welche Erlösung es für den anderen bedeuten könnte, gerettet zu werden.

Im Unterschied zum Samariter:

„Und als er ihn sah, jammerte es ihn“ (Lk 10,33).

Dies kann auch übersetzt werden „er empfand Erbarmen“, oder „er liess sich innerlich bewegen“. Im altgriechischen Originaltext wird dafür ein Verb verwendet, das von den Begriff „splangchnon“ stammt, welches den Sitz der Gefühle bezeichnet: Gefühle werden in den inneren Organen verortet, sowohl im Herzen als auch in den Eingeweiden. Das Erbarmen bzw. die Barmherzigkeit ist nach diesem Verständnis also ein Gefühl, das einem durch Herz und Bauch geht. Es ermöglicht den Zugang zu der anderen Person, indem deren Gefühle im eigenen Körper nachempfunden werden können. Es hat vielleicht mit dem zu tun, was in der heutigen Zeit als „Spiegelneuronen“ bezeichnet wird.

„Er/sie liess sich innerlich bewegen“ - dieses Verb wird im Neuen Testament auch für Jesus bzw. Gott gebraucht. Jesus ist innerlich bewegt über die Menge, die wie Schafe ohne Hirten ist (Mt 9,36), zwei Blinde (Mt 20,34), einen Aussätzigen (Mk 1,41) und über eine Witwe, die ihren einzigen Sohn begräbt (Lk 7,13). Der Herr im Gleichnis ist bewegt über den hochverschuldeten und zahlungsunfähigen Knecht (Mt 18,27) und der Vater über den heimkehrenden verlorenen Sohn (Lk 15,20). Jesus und Gott fühlen sich in den jeweiligen Menschen ein. Jedes Mal führt das Gefühl herzlichen Erbarmens auch zu einer Aktion, z. B. heilt Jesus Kranke, gibt den Menschen Essen, erweckt zum Leben.

Hartmut Rosa bezeichnet in seinem Buch „Resonanz“ die mitfühlende Öffnung zu den Mitmenschen als „vibrierenden Draht zur Welt. Die Welt wird dadurch weiter und lebendiger.

Ich stelle mir diesen einfühlsamen Samariter als glücklichen Menschen vor. Zumal zum Mit-Leiden auch das Mit-Freuen gehört.

Lukasevangelium 10,30-37:

Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.

Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.

Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.

Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?

Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Annerose De Cruyenaere, Vikarin in Ritterhude

Wort zum Sonntag, den 2. August

„Du bist ja so blind - woran siehst du das?“

Überlegungen zum 9. Kapitel des Johannes-Evangeliums und - zu uns!

 Weil du denkst: Du durchblickst es, kapierst du nichts. Auf diesen provokanten Satz läuft gleich ein ganzes Kapitel des Johannes-Evangeliums zu. Im Mittelpunkt steht die Heilung eines blind geborenen Menschen. Aber eigentlicher Zielpunkt sind die sogenannten oder besser die sich selbst so verstehenden „Sehenden“.

Was ist ein „Sehender“? Das ist eigentlich etwas bitter Nötiges: Menschen, die den Durchblick haben. Das bräuchten wir. Schade nur, dass wir als „Sehende“ oft genug absolut blind sind.

Nach den Ausschreitungen vorwiegend junger Leute in Stuttgart, hat die Polizei erst mal nachgeforscht, wo die Eltern dieser Leute herkamen. Vielleicht hatten die ja Migrationshintergrund. Siehste - das haben wir uns doch gedacht!

 

So geht das auch im Johannes-Evangelium zu: Die Jünger haben die schlaue Frage: Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Eine widerliche Frage. Eine Frage der „Sehenden“. Wir sehen, dass er blind ist. Wir sehen, dass bei ihm was nicht stimmt. Wir sehen auch den Grund dafür: Da hat einer gesündigt. Die spannende Frage ist: Der oder seine Eltern?

Die Jünger, die das fragen und sich für sehend halten, sind so blind. Sie haben nur Augen für ihre Weltsicht: wer krank, behindert, eingeschränkt, fern der Norm ist - der hat Schuld. Was sie nicht sehen, ist der Mensch, der da bettelnd am Straßenrand sitzt, weil er sonst keine Chance hat, als Ausgestoßener zu überleben. Was sie nicht sehen, ist ihre eigene Kurzsichtigkeit gegenüber diesem Menschen, der doch ein Mensch ist wie sie, dem sie sein Menschenrecht und seine Würde verweigern. Ein Mensch - der nicht sehen kann und die anderen können das nicht mitansehen. Da muss doch einer schuld sein!

Jesus legt den Unsinn beiseite. Er redet von sich: Ich bin das Licht der Welt. Er macht einen Brei aus Spucke und Dreck, bestreicht die Augen des Menschen und sagt ihm, er solle sich im Teich Siloah waschen. Mit vollständiger Augenfunktion kommt er zurück.

Klar, wir sind nicht Jesus. Wir schmieren niemand Spucke und Dreck ins Gesicht. Und wenn wir es täten, würden wir keine Augenfehlfunktion damit beheben. Jeder, was er kann. Jede, was ihr möglich ist.

Es ging durch die Medien. Patrick Hutchinson, ein kräftiger, trainierter Mann, nahm an einer Antirassismus-Demo in London teil. Weiße Rechtsextreme stellten sich den Demonstrierenden in den Weg. Es kam zu Rangeleien, aufgeheizte Stimmung, Pöbeleien, Übergriffe. Einer der Weißen stürzte und fand sich plötzlich am Boden mitten unter den Demonstranten wieder. Er drohte niedergetrampelt zu werden. Patrick Hutchinson, selbst schwarz, sah die Gefahr, hob den Weißen auf seine Schultern und trug ihn zur Polizei und damit in Sicherheit.

"Sein Leben war in Gefahr. Also bin ich runter, hab ihn aufgehoben und bin mit ihm in Richtung der Polizei gelaufen.", erklärte er hinterher und fügte hinzu: Du denkst zu diesem Zeitpunkt nicht darüber nach. Du tust einfach das, was du tun musst."

Einerseits fehlte Patrick Hutchinson hier völlig das Verständnis für die Dinge. Diese rechtsradikalen Pöbler waren dabei, seine friedliche Demonstration für die Gleichberechtigung aller Menschen kaputt zu machen. Solchen Leuten muss man Widerstand leisten und nicht Beistand. Was er sah, war ein Weißer, der ihm mit Hass begegnete und ihm sein Menschenrecht bestritt. Und wenn er ein wenig darüber nachgedacht hätte, dann wäre ihm doch wohl klar gewesen: Für den war er nicht verantwortlich. Wenn der in Schwierigkeiten war, war der selbst schuld. Das war nicht seine Sache, sich um den Sorgen zu machen. Es gab sehr viele gute Gründe, den da liegen zu lassen.

Aber Patrick Hutchinson hat nicht nachgedacht, wie er sagt, sondern gehandelt: „Du tust einfach das, was du tun musst.“

In der Folge der Augenheilung des vormals blinden Bettlers kommt es zu heftigen Diskussionen mit denen, die sich selbst für sehend halten. Es geht um unsere „Sehgewohnheiten“, um festgezurrte Meinungen, um Vorurteile, um Vereinfachungen, um unsere Sicht, die wir der Wirklichkeit überstülpen und behaupten, das sei die Wirklichkeit.

Weil ihr denkt: Wir durchblicken es, kapiert ihr nichts. So lautet die Kritik am Schluss des Evangeliumskapitels. Ihr erklärt das Leben dieses Menschen für kaputt, weil er nicht gucken konnte. Aber ihr macht euer eigenes Leben kaputt, weil ihr alles eurer Sicht der Dinge unterordnet, weil ihr nicht über den Tellerrand sehen wollt, weil ihr keine Einsicht zeigt, weil ihr eure Perspektive nicht ändern könnt.

Wie um Himmels willen, bekommen wir die Augen auf? Die Augen auf für uns selbst und unsere Rolle im Geschehen?

Wer sich selbst für sehend erklärt, der hat es offenbar richtig schwer, die anderen in den Blick zu nehmen und die eigene Beteiligung auch nur zu ahnen.

Wie kommen wir da raus? Einerseits müssen wir uns ein Gewissen bilden. Hilf einem, der in Not ist. Das hatte Patrick Hutchinson irgendwann mal gelernt, verstanden, eingesehen. Da musste er im entscheidenden Moment nicht mehr lange nachdenken, sondern konnte handeln.

Wir brauchen dieses Nachdenken. Was macht unser Leben kaputt und was tut ihm gut? Wie leben wir achtungsvoll miteinander und welche Gestalt muss unser Zusammenleben dann haben?

Aber wir müssen auch die Freiheit behalten.

Die Freiheit     - einfach zu handeln, sich die Finger schmutzig zu machen, ohne lange dieses  und jenes und jenes und dieses zu bedenken.

Die Freiheit     - sich selbst mit anderen Augen zu sehen, am besten mit den Augen von Menschen, die unser Verstehen und unsere Hilfe gut gebrauchen könnten.

Die Freiheit     - mutig zu handeln, auch wenn nicht alles klar ist.

Die Freiheit     - damit leben zu können, dass wir auch etwas übersehen haben könnten und noch mal neu hingucken müssen.

Die Freiheit     - unsere eigene Mitverantwortung nicht auf andere abzuwälzen.

Die Freiheit     - unsere Bilder von anderen niemals für eine abschließende Sicht zu halten.

Wie finden wir diese Freiheit?

Das Johannes-Evangelium meint: Bei Jesus gibt es das. Wenn wir die Geschichten über ihn betrachten, seine Worte und Handlungen verfolgen - dann behindert das durchaus mal die Sicht, die so vertraute und festgelegte Sicht, die Blindheit der „Sehenden“ eben.

Und wenn wir dann die Augen wieder aufmachen, können wir vielleicht was erkennen. Vielleicht!

Pastor Eckhard Gering, St. Willehadi