Andachten und Impulse

Wort zum Sonntag

Geistliche Impulse

Wort zum Sonntag am 12. September 2021

„Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn...“ (Lukas,5-6)

Ich saß im Sprechzimmer, der Ärztin gegenüber. Seit Wochen schon konnte ich nichts essen. Körper und Seele hatten sich verschlossen.

„Glauben Sie mir: Ich habe viele Menschen erlebt, die so verzweifelt auf diesem Stuhl saßen.“ Damit meinte sie nicht, ich sei für sie lediglich eine Nummer, einer von vielen, sondern: „Allen ist geholfen worden. Und so wird es auch Ihnen gehen. Dafür werde ich sorgen. Ja, dafür bete ich.“ Mich erreichten ihre Worte damals kaum. Eine Stimme aus einer fremden Welt, die sich vergeblich bemühte, zu mir durchzudringen. Die aber auch Verständnis für mein Verschlossensein zeigte und mich nicht unter Druck setzte.

„Vergessen Sie nicht: Wir sind nicht allein. Gott begleitet uns, und er lässt uns nicht fallen.“ Ich sah die Ärztin ungläubig an: „Das sagt mir mein Verstand auch. Aber zurzeit ist es für mich nur Theorie.“

Mittlerweile ist das 10 Jahre her. Es geht mir gut, sehr gut sogar. Damals haben mir Freunde geholfen. Auf einmal waren sie da, ohne zu fragen, ohne sich anzukündigen. Sie halfen mir im Haushalt, wo nichts mehr lief. Sie gingen mit mir spazieren, immer nur so weit, wie ich gerade konnte. Sie luden mich zum Mittagessen ein, als das wieder funktionierte. Und die Ärztin verstand ich erst, als diese zwischenmenschliche Hilfe mich wieder aufgebaut hatte.

„Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn...“ Selbst dieses Fünkchen Glauben, selbst dieses winzige Maß hat mir damals gefehlt. Seitdem blieb ich von schweren Schicksalsschlägen verschont. Mit zunehmendem Abstand begreife ich die Krise damals als Geschenk, ja als Befreiung. Vielleicht muss so manche Befreiung zunächst einmal durch Leiden führen. So erging es den Israeliten, die Gott aus der ägyptischen Sklaverei erlöste, aber erst einmal in die Wüste schickte. Nicht zufällig betrachtet die Bibel die Wüste als Ort lebensfeindlicher Mächte.

Ich hoffe, dass ich für künftige Krisen nach dieser persönlichen Wüstenerfahrung ein wenig besser gewappnet bin. Dass da ein Samenkorn bleibt. Eine heilsame Erfahrung, die ich notfalls wachrufen kann. Eine Erfahrung, die den grauen Vorhang der Depression zerreißt. Und dass dieser Riss dann wenigstens einen schwachen Lichtstrahl passieren ließe...

Zudem habe ich während meines Israelaufenthaltes die Wüste lieben gelernt. Ausgesprochen vielfältig ist sie, schroff und sanft. Sie schimmert in den verschiedensten Farben.

Heute freue ich mich auf das, was das Leben mir noch bringen wird. Ich weiß, dass es aus Gottes Hand kommt - und dass es gut sein wird.

Gert Glaser, Pastor in St. Willehadi