Andachten und Impulse

Wort zum Sonntag

Geistliche Impulse

Wort zum Sonntag 18. Juli 2021

2. Mose 16, 2-3 und 11-18

Ich will ihnen von Frau Schmidt und Marie erzählen. Beide sind Nachbarn. Manchmal passt Frau Schmidt auf Marie auf; die sagt längst Oma Ingrid zu ihr. Und weil Marie schon acht Jahre alt ist, hört sie das Wort Babysitter gar nicht mehr gern.

An diesem Abend bringt ihre Oma Ingrid wieder einmal Marie ins Bett. Marie liebt es, wenn sie sich vor dem Schlafengehen gemeinsam unter die Wolldecke kuscheln und ein Buch lesen. Wenn sie bittet: „Noch ein bisschen weiter!“ fällt es Frau Schmidt schwer, Marie und ihrem Grübchenlächeln zu widerstehen.

Und so rückt Oma Ingrid die Brille zurecht und klappt die Kinderbibel wieder auf. Wo waren wir stehen geblieben?

Ingrid hat in ihrem Erwachsenenleben lange keine Bibel in der Hand gehabt.

Aber Marie liebt die Geschichten ihrer Kinderbibel und will sie immer wieder lesen. Ihre vielen Fragen lassen Frau Schmidt manchmal keine Ruhe.

Marie und Frau Schmidt lesen die Abschnitte abwechselnd.

Die Israeliten schimpfen, liest Marie, und sie beklagen sich bei Mose und Aaron. Warum sind wir euch nur in diese Wüste gefolgt! Wären wir doch in Ägypten geblieben, da hatten wir wenigstens genug zu essen! Ihr hättet uns in Ruhe lassen sollen.

Marie stockt. „Die spinnen wohl. Wissen die nicht mehr, wie schlimm das früher in Ägypten war? Sklaven waren sie! Und nun wollen sie zurück?“

„Na ja“, sagt Frau Schmidt, „vielleicht denken sie gar nicht mehr daran, wie schlimm es war. Sondern sie erinnern sich mehr an die guten Sachen. Das geht uns Menschen oft so, gerade wenn wir älter werden. Vielleicht vermissen sie auch die Sicherheit, die sie da hatten. Oder sie sind einfach müde. Schließlich dauert dieser Weg durch die Wüste ja schon lang.“

„40 Jahre“ nickt Marie, „40 Jahre sind sie unterwegs, kommt später noch. - Ist 40 Jahre wirklich so lang?“

„Sehr lang“, sagt Frau Schmidt und lächelt. „Vor 40 Jahren habe ich gerade geheiratet. Und jetzt schau mich an. „Oh ja“, sagt Marie, „das ist wirklich lang her, jetzt bist du ja schon eine Oma. - Aber ich find es trotzdem ganz schön blöd, dass die so viel meckern, die Israeliten“ sagt Marie.

„Gott hat sie doch so toll aus Ägypten gerettet und dann sind sie durch das Meer durchgezogen und das alles. Ihnen ist nie was passiert, sie müssen doch wissen, dass Gott sie immer wieder rettet. Aber sie vergessen das immer wieder.“

Maries Einwände machen Frau Schmidt nachdenklich. Denn eigentlich kann sie die Israeliten gut verstehen. Immer wieder geschehen Dinge, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Das hinterlässt Spuren, auch im Glauben in der Beziehung zu Gott.

„So einfach ist das nicht“, sagt sie nachdenklich, „vielleicht haben sie auch einfach Angst, das kann man doch verstehen. Vielleicht möchten sie Gott mehr vertrauen, aber können es nicht. Immerhin: Sie vergessen ihn nicht und kommen immer wieder auf ihn zurück.“

Marie blättert weiter. „Du bist dran“ sagt sie und Frau Schmidt liest, wie Gott Mose verspricht, dass sie noch am Abend Fleisch und Brot finden werden und genug zu essen haben.

„Was sind Wachteln?“ „So was ähnliches wie Hähnchen“ sagt Frau Schmidt, und liest schnell weiter. Und am Morgen lag überall etwas Rundes, Körniges, dass süß schmeckte, und die Israeliten wussten nicht, was es ist, und fragten sich: man hu, was ist das? Aber sie sammelten es auf und aßen es.

„Siehste, Gott hilft eben immer“ sagt Marie, „hätten die sich doch denken können, dass Gott sie nicht im Stich lässt.“ Sie guckt sich die Bilder genau an und kuschelt sich ein wenig enger.

„Gott hilft eben immer“ denkt Frau Schmidt, „wenn das nur so einfach wäre. Sie beneidet Marie um ihre Zuversicht. Es ist doch anders, wenn man schon so viel erlebt hat. Viel Gutes, das steht außer Frage! Wenn sie nur diese 40 Jahre zurückdenkt, die Hochzeit damals – und gleich ein Jahr später als ihre Tochter Sabine geboren wurde. Zeiten voller Glück, voller Aufbruch. Erst die kleine Wohnung bei den Eltern, dann der Umzug in eine größere Wohnung in der Stadt, und schließlich das eigene Haus. Viel gearbeitet und viel geschafft haben wir, denkt sie. Aber auch das andere war immer da. Ein zweites Kind konnte sie nicht bekommen. Und Sabine ist mit Mitte 20 nach Amerika gezogen und lebt nun mit ihrer Familie so weit weg. Vieles war nicht so, wie sie es gewünscht hat, aber oft haben sich dann auch neue Türen aufgetan.

„Stimmt doch, oder?“ Frau Schmidt schaut Marie fragend an. „Was?“ „Stimmt doch, dass Gott immer hilft.“

Na ja – Frau Schmidt weiß nicht genau, was sie sagen soll. „Meistens“, sagt sie schließlich. „Nur manchmal merkt man das nicht gleich.“ „Ne, manchmal nicht“, sagt Marie. Aber das scheint sie nicht zu bekümmern.

„Das Manna sieht komisch aus, gar nicht wie Brot“ sagt Marie, die die Bilder der Kinderbibel genau studiert. „Wie Popcorn sieht das aus.“ „Das war ja auch kein richtiges Brot“, sagt Frau Schmidt, „lies du wieder weiter.“

Marie liest: Wie jeden Morgen das Manna in der Wüste liegt und die Israeliten es jeden Tag von neuem aufsammeln sollen. Und dass sie nichts aufbewahren sollen, sondern nur sammeln, was jeder braucht.

„Meinst du, das schmeckt gut, dieses Manna?“ fragt Marie.

„Bestimmt“, antwortet Frau Schmidt. „Aber darum geht’s ja eigentlich nicht, wenn man richtig Hunger hat. Dann schmeckt alles gut. Sogar Steckrübeneintopf.“

Steckrübeneintopf? Marie hat das noch nie gehört. Was ist denn das? „Als ich ein Kind war“, sagt Frau Schmidt, „da hatten wir auch nicht viel zu essen. Der Krieg war noch nicht lange aus und es gab einfach nichts. Und obwohl ich noch klein war, erinnere ich mich daran wie es ist, Hunger zu haben. Und wie man sich freut, wenn es dann was Warmes zu essen gibt.“ „Hattest du oft Hunger, Oma Ingrid?“ „Wie gesagt, ich war noch klein“, sagt Frau Schmidt. „Eigentlich ging es uns dann schon bald besser, mein Vater hatte gute Arbeit und meine Mutter hat toll gekocht. Und Steckrüben muss ich ja nicht mehr essen.“

„Ich finde das toll, dass Gott denen jeden Tag neues Brot gibt“, sagt Marie noch mal. „Und immer genau so viel wie es passt.“

„Ja, das ist ganz schön schlau“ sagt, Frau Schmidt. „Schließlich hatten die keine Kühlschränke und keine Tupperdosen und sie mussten ja auch jeden Tag wieder weiter.“

„Genau“, sagt Marie. „Sie mussten nicht viel mitschleppen, sondern haben es genau so bekommen, wie sie es gebraucht haben. Gott hat das gewusst.“

Frau Schmidt muss lächeln. Marie lebt im Heute, denkt sie, und ich schaue so oft zurück auf das, was war und was hätte sein können. Oder ich schaue auf das, was kommen könnte und mache mir im voraus Sorgen. Aber ein Weg mit Gott schließt schwere Zeiten ja nicht aus, wie bei den Israeliten in der Wüste. Aber Gott führt sie hindurch. Vielleicht hat Gott auch für mich all die Jahre gesorgt und ich habe es nur nicht gesehen, weil ich dachte, er zeigt seine Spur in meinem Leben eindeutiger.

Aber wenn ich zurückdenke, dann hatte ich auch oft viel Kraft – genau so, wie ich es gebraucht habe.

Und wie Gott die Israeliten all die verschlungenen Wege durch die Wüste geführt hat, hat er doch auch mich geführt und für mich gesorgt. Und nun bin ich hier, bei Marie. Auch damit gibt er mir etwas, was ich zum Leben brauche. „Woran denkst du?“ fragt Marie. „Nur, dass es gut es, dass ich dich habe“ sagt Frau Schmidt und drückt sie.

Pastorin Birgit Spörl, Ritterhude

Wort zum Sonntag am 11. Juli

Liebe Leserin, lieber Leser!
Der heutige Predigttext, er ist ein wunderbares Geschenk und Ermutigung. Ein vertrauter Text, den wir bei jeder Taufe hören. Es sind die Worte, mit denen Matthäus sein Evangelium beschließt:
Die elf Jünger gingen nach Galiläa. Sie stiegen auf den Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte. Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Aber einige hatten auch Zweifel.
Jesus kam zu ihnen und sagte: »Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde. Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu wer-den. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe! Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.« (Matthäus 28,16-20 Übersetzung der Basis-Bibel)
Vielen sind diese Worte sehr vertraut. Der sogenannte Taufbefehl – wobei ‚Befehl‘ die abschlie-ßenden Worte des Matthäus eigentlich nicht wirklich treffen und viel zu kurz greifen.
Mitten in eine Ostergeschichte werden wir da hineingenommen. Noch einmal zeigt sich der aufer-standene Jesus seinen Jüngern, ruft sie auf einem Berg zusammen – so wie er es den Frauen am leeren Grab gesagt hatte: „Fürchtet euch nicht! Geht weiter und sagt es meinen Geschwistern, da-mit sie nach Galiläa aufbrechen. Dort werden sie mich sehen.“
Und genau dort sind sie nun versammelt – in Galiläa, wo alles angefangen hatte.
Doch das Erstaunliche: Etliche von ihnen sind voller Zweifel und das Wunder der Auferstehung scheint vergessen. Selbst diejenigen, die zum innersten Freundkreis Jesu gehörten; die drei Jahre mit ihm durchs Land gezogen waren; die hautnah miterlebt hatten, wie er von Gottes neuer Welt erzählte, wie er Kranke heilte und Menschen ohne Perspektive neue Hoffnung schenkte – selbst sie sich nicht sicher, nicht frei von Zweifel.
Und doch gilt bis zu uns heute: Zweifeln ist zutiefst menschlich, gehört einfach zum Glauben dazu, und wunderbar ermutigend finde ich die Aussage: „Der Zweifel ist das sicherste Zeichen dafür, dass ein Glaube vorhanden ist.“ Denn wer zweifelt zeigt ja zugleich: Ich habe da eine Erwartung, ich hoffe trotz allem auf etwas.
So wie z.B. der Jünger Thomas. Er gehörte zu den Skeptikern, zu den Zweiflern. Eigentlich sollte er sich mit dem Glauben zufriedengeben. Aber er will die Auferstehung begreifen – den Auferstande-nen berühren, mit den Händen greifen.
Ja, wie oft ist unser Leben zwischen Glauben und Zweifel, zwischen Hoffnung und Resignation, zwi-schen Macht und Ohnmacht hin- und hergerissen?! Doch genau da hinein lässt Matthäus den auf-erstandenen Jesus seine letzten Worte sprechen: Fürchtet euch nicht. Gott hat mir alle Macht ge-geben, im Himmel und auf der Erde.
So wie Gott im brennenden Dornbusch einst Mose zugesagt hatte: „Ich bin für dich da!“, so hören wir hier den auferstandenen Jesus. Bis zum Ende der Welt überlässt Gott uns Menschen nicht uns selbst, sondern verbindet sich mit uns. Und in die Zusage, die dem Volk Israel gilt, nimmt Jesus nun alle Menschen mit hinein: „Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.“
Wie tröstlich und ermutigend ist da gerade in den Dunkelheiten des Lebens die Gewissheit: Gott allein hat Macht über das Leben – über mein Leben. Nichts und niemand sonst. Unser Leben liegt
nicht in der Hand eines blinden, unergründlichen Schicksals, sondern in der bewahrenden Hand Gottes. Bei Gott allein ist die Fülle des Lebens und in diesen liebevollen Machtbereich sind wir hin-eingerufen. Jesus verfügt über die Kraft, die bis ans Ende und darüber hinaus reicht. Daran haben wir Anteil: Trost und Beistand finden, Aufatmen, der Macht des Lebens in allen Unwägbarkeiten und Veränderungen neu vertrauen.
Also: Macht euch auf den Weg!
Die letzten Worte des Matthäus-Evangeliums markieren zugleich einen Neuanfang. Dort vom Berg aus soll etwas Neues beginnen. Dort bekommen die Jünger von Jesus eine Aufgabe, die sie als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger annehmen sollen. Macht euch auf den Weg, die ihr manch-mal vertraut und manchmal zweifelt; verkriecht euch nicht und tut so, als ginge euch die Welt nichts an. Macht euch auf den Weg und ladet die Menschen ein, Jesu Jünger und Jüngerinnen zu werden – damit sie mitlernen können – so übersetzt es die Bibel in gerechter Sprache.
Also Aufbrechen statt Stillstand. Aufbrechen gerade auch in ungewissen Zeiten – mit und trotz Zweifeln. Das wird den Menschen damals und genauso uns heute zugemutet!
Konkret heißt das, den Glauben in die unterschiedlichsten Lebenszusammenhänge hineinzutragen; bereit zu sein, über den Glauben zu sprechen und sich auch hinterfragen zu lassen. Nicht anderen etwas überzustülpen, aber auch nicht denen das Feld zu überlassen, die sich mit fundamentalisti-schen Parolen lautstark hervortun. Sondern miteinander lernen, auf Augenhöhe, aneinander wachsen und auch gemeinsam das Unerklärliche aushalten.
Die Taufe ist dabei die wunderbare Quelle, aus der wir immer wieder Kraft und Zuversicht schöp-fen können. Sie taucht uns ein in die Liebe Gottes, egal was passiert; sie ist das unsichtbare Band, das uns untrennbar mit Jesus verbindet.
Von Martin Luther wird in diesem Zusammenhang erzählt, dass er bei einem heftigen Streitge-spräch mit seinen Gegnern mit Kreide auf den Tisch geschrieben haben soll: „Ich bin getauft!“ So hat er sich vor Augen geführt, ein Kind Gottes zu sein und das hat ihm gerade in den Zeiten der An-fechtung immer wieder Trost und neuen Mut gegeben.
Die Taufe – ein Geschenk Gottes. Ein ‚Ja‘ an jede und jeden Einzelnen. Ein ‚Ja‘, das kein Mensch sich selbst zusprechen kann, sondern ein Geschenk, das Halt und Orientierung im Leben gibt und auf das sich jeder getaufte Mensch zurückbesinnen kann. Gerade auch dann, wenn Traurigkeit und Sorge groß werden, wenn Zweifel überhand nehmen oder ich mir selbst gar nichts mehr zutraue.
Geht hin, macht euch auf den Weg; tauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geis-tes; und erzählt die frohe Botschaft vom Reich Gottes weiter. Macht euch stark für Frieden, Ge-rechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung! Dieser Auftrag gilt – auch uns hier und heute; auch da, wo große Veränderungen und Einschnitte uns in unseren Gemeinden herausfordern.
Doch das Wichtigste steht bekanntlich am Schluss und deshalb ist eben nicht die Aufforderung der letzte Satz, der mit auf den Weg gegeben wird, sondern die Zusage, das Versprechen Jesu: „Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.“ Amen
Christa Siemers
Pastorin in der Emmaus-Kirchengemeinde

Wort zum Sonntag, 4. Juli 2021

Liebe Gemeinde!

Das Kreuz steht heute im Mittelpunkt. Was hat ein Kreuz eigentlich für eine Bedeutung? Viele Menschen wissen das gar nicht. Sie tragen es einfach gerne als Schmuckstück.             Es ist auch nicht so einfach mit einer Erklärung.                                                                           Das Kreuz ist ein wichtiges Symbol für die christliche Religion. So wie der Halbmond und Stern für den muslimischen Glauben oder der sechseckige Davidstern für die jüdische Religion.                                                                                                                                 Am Anfang des Christentums war ein anderes Symbol das Erkennungszeichen für Christen. Ein Fisch. Unter diesem Symbol fanden sich die ersten Christen sich zusammen.                    Das Kreuz war da noch ein Symbol für Folter, Leiden und Sterben. Ein Kreuz war ein Ort der Hinrichtung. Erst als es keine Kreuzigungen mehr gab und die schreckliche Bedeutung in den Hintergrund getreten war, fing man an, das Kreuz als Zeichen für Jesus Christus zu verwenden.                                                                                                                           Am Kreuz scheiden sich die Geister. Für die einen bleibt es ein Symbol für Folter und sie finden es ärgerlich, es an öffentlichen Orten außerhalb von Kirchen sehen zu müssen. Es ist in manchen Gegenden üblich in Klassenzimmern und öffentlichen Gebäuden Kreuze an der Wand hängen zu haben. Es gab darüber gerichtliche Auseinandersetzungen, ob das erlaubt sei oder nicht, denn die Gegner fühlten sich als Nichtreligiöse durch die Kreuze vereinnahmt. Sie sagten, Kreuze hätten in Klassenzimmern und an öffentlichen Orten nichts zu suchen. Denn es sind ja nicht alle Christen, sondern Menschen leben ohne Religion oder haben einen anderen Glauben. Öffentliche Orte sollten neutral bleiben. Andererseits hat der Ministerpräsident Markus Söder in Bayern 2018 Kreuze wieder aufhängen lassen an öffentlichen Orten, als Zeichen und Erinnerung dafür, dass unsere Gesellschaft auf christlichen Werten gründet. Das Kreuz erinnert an die radikale Liebe Jesu, der für die Feindesliebe und Gewaltlosigkeit eingetreten ist und für diese Liebe sein Leben gelassen hat. Unsere Gesellschaft ist aus dieser Botschaft heraus gewachsen. Natürlich gab es in der Geschichte auch Gewalt von Christen. Dabei denken wir an die Kreuzzüge und Hexenverbrennungen. Aber heute stehen Freiheit und Toleranz an oberster Stelle, also das Gegenteil von Intoleranz und religiöser Vereinnahmung. Ein Philosoph drückt es so aus: Das Christentum hat für ein Menschenbild gesorgt, das Demokratie möglich macht.                                                                                                             Was ist das für ein Menschenbild? Artikel 1 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen.“ Anders gesagt:  Keiner darf einfach, weil er stärker ist, den anderen unterdrücken, seine Stärke und Macht auf Kosten anderer durchsetzen. Was daraus folgt, beschreibt die allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Einzelnen in 30 Artikeln.                                Ausgangspunkt für die Entstehung der Menschenrechtserklärung ist der christliche Glaube ihrer Verfasser. Der Glaube an Jesus Christus, den Gekreuzigten und vom Tod Auferstandenen.                                                                                                                            Diese Aussage spaltet die Menschen. Die einen sagen „Eine Auferstehung von den Toten gibt es nicht. Tot ist tot. Jesus ist jämmerlich gescheitert mit seiner Botschaft und hat sich umbringen lassen. Das Kreuz war damals die übliche Form der Machthaber, Gegner und Unruhestifter zu beseitigen.“ Die anderen sagen „Gott selbst ist in Jesus Mensch geworden und hat alles, was Menschen erleben und durchmachen, eben auch Leiden und Schmerzen, Sterben und Tod erlebt. Gott weiß, wie es mir geht.“                                                             Und sie erzählen es weiter und leben und handeln danach. So auch der Apostel Paulus.                                                            Seine Worte über die Bedeutung des Kreuzes sind heute Predigttext und wir haben sie vorhin in der Lesung gehört. „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden ist es eine Kraft Gottes.“ 1.Korinther 1,18.                                                           Am Kreuz scheiden sich die Geister. Die einen finden es dumm, eine Torheit, dieses Symbol zu verwenden. Für die anderen ist es eine Kraftquelle für den Glauben.

Es ist nicht so einfach, das mit der Kraftquelle zu erklären. Denn es hat mit den schweren Seiten des Lebens zu tun. Jesus ist für uns in den Tod gegangen und von Gott auferweckt worden, damit wir darauf vertrauen, dass Gott auch dann da ist und uns nahe sein will, wenn wir gerade denken, einsamer, verlassener und hilfloser könnten wir nicht sein. Es ist ein Geschenk, mitten in Angst, Sorge und Not erfahren zu dürfen, dass man nicht allein ist. Da sieht jemand unsere verzweifelte Lage und stellt sich uns zur Seite. Der zum Engel für uns wird, zum Gottesboten. Oder da passiert etwas, was uns zum Zeichen wird.                            Dafür möchte ich ein Beispiel erzählen: Eine Mutter hat ihren Sohn durch einen Verkehrsunfall verloren. Er ist mit dem Auto von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Niemand konnte erklären, was letztlich zu dem Unfall geführt hat. Es war einfach passiert. Ihr Sohn war sofort tot. War das ein Trost, dass er sofort tot war? – Viele Menschen haben nachgefragt und ihr Beileid ausgesprochen. Immer wieder musste sie erzählen. Aber nichts und niemand konnte sie trösten. Sie blieb einsam mit ihrer Trauer. Als sie das nicht mehr ertragen konnte, fuhr sie zu der Unfallstelle. Dahin, wo ihr Sohn sein Leben lassen musste. Vielleicht konnte sie dort mit ihm allein sein, dachte sie. Vielleicht war er ihr dort nahe? An der Unfallstelle war ein Kreuz aufgestellt worden. Und es gab Blumen und Kerzen. Die vorbeifahrenden Autofahrer, die den Ort nicht gleich als Unfallstelle erkannten, dachten sicher: „Was macht die Frau da? Ist die verrückt geworden?“ Die Frau stand dort und weinte. Ihr Sohn war tot. Es war aus und vorbei. So viele wollten sie trösten, aber keiner konnte ihr das Gefühl der Einsamkeit nehmen. Auch der Himmel über ihr schien geschlossen durch eine graue Wolkendecke. `Wo bist du? - Warum?` dachte sie immer wieder. Auf einem Mal spürte sie Tropfen auf ihrem Gesicht. Sie schaute nach oben. Es begann zu regnen. Die Tropfen wurden stärker. Sie spürte, wie sie nass wurde. Und auf einem Mal fährt es ihr durch den Sinn. Es ist, als wenn durch den Regen jemand zu ihr spricht und sagt: „Der Himmel ist dir nicht verschlossen.“ Nein, der Himmel hat sich geöffnet. In diesem Moment. Nur für sie. Wie eine Botschaft ist dieser Regen. Nur für sie und ihren Sohn, um den sie trauert. Eine Botschaft, die von weit her kommt, aber sie doch hautnah erreicht. Unumstößlich und mit einer überraschenden Gewissheit. Nein, niemand versteht das außer ihr. Für die vorbeifahrenden Autofahrer ist es ein Regenschauer. Aber für sie ist es auf einem Mal ein Zeichen. Es ist, als wenn jemand sie bei ihrem Namen gerufen hat und ihr sagt: „Er ist nicht tot. Er lebt.“ Und diese Regentropfen, die verbinden sie miteinander. Für diesen Augenblick ist sie nicht mehr einsam. Ihr Sohn ist nicht mehr hier, aber er lebt. Und dieser Regen, an dieser Stelle, ist das Zeichen. Das lässt sie auf einmal gewiss werden. Sie möchte nach Hause, es jemanden erzählen, was ihr gerade Gewissheit geworden ist. Aber mit wem wird sie darüber sprechen können? Wer wird verstehen, was sie in diesem Augenblick empfunden hat? Das sie herausgerufen wurde aus ihrer Trauer und Einsamkeit. Dass Ihr bewusstwurde, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten hat.

Das Kreuz ist das Zeichen dafür, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Gott kennt und liebt seine Menschen über den Tod hinaus. Jesus hat durch seinen Tod und seine Auferstehung den Weg zum Himmel geöffnet. Dass wir das glauben können, wird uns geschenkt. So wie der Frau in der Geschichte die Gewissheit, dass ihr Sohn lebt geschenkt wird durch den Regen geschenkt wird. So wie Menschen manchmal zu rettenden Engel werden. Das passiert, weil sie genau hinschauen und aufmerksam für andere sind.

Noch einmal: Glauben kann man nicht machen oder anderen befehlen. Glaube wird geschenkt. So bleibt das christliche Zeichen des Kreuzes immer ein Ärgernis für die, die nicht glauben, aber ein Zeichen der Verbindung zu Gott für die, die glauben.

Ich möchte schließen mit der schönen Vorstellung von der Verlängerung der Kreuzesbalken. Zieht man sie in die Weite und in die Höhe und Tiefe, können sie die ganze Welt umspannen. Die Botschaft vom Kreuz, Jesus Christus, hält die Welt zusammen. Wir sind umspannt von der Liebe Gottes in Jesus Christus. Amen

 Pastorin Anke Diederichs, Ritterhude und Scharmbeckstotel

 

Wort zum Sonntag 27.6.2021

Wenn der Vater gestorben ist, oder: Der Fluch der bösen Tat

 Leider kommt es immer wieder vor: Nach dem Tod der Eltern zerstreiten Geschwister sich heillos. Das Erbe ist mitunter der Anlass, manchmal auch der Eindruck, der Vater oder die Mutter habe eines der Kinder bevorzugt. Vermeidlicher Liebesentzug der Eltern und Neid der Geschwister untereinander führt dann zu einem Bruch in der Großfamilie. Jahrelang sprechen ihre Mitglieder nicht mehr miteinander.

 

Das haben Sie vielleicht auch schon beobachtet oder gar erlebt.

Für solche Zustände gibt es eine spannende Geschichte in der Bibel – mit Happy End.

Der Erzvater Jakob hat 12 Söhne, und er hat einen Lieblingssohn: Josef. Ein Merkmal dafür ist ein buntes Kleid, das der Vater ihm schenkt. Zudem hat Josef bedeutsame Träume. Ihre Deutung beinhaltet, dass seine Brüder sich vor ihm verneigen; dabei sind sie (fast) alle älter als er. Es muss den Brüdern wie eine Frechheit vorkommen. Entsprechend sauer sind sei auf ihn. Als sich die günstige Gelegenheit ergibt, täuschen sie dem Vater gegenüber Josefs Tod vor und verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten. Damit scheint das „Problem“ für sie gelöst und er macht ihnen keine Konkurrenz mehr beim Vater.

Nun haben die Brüder Gott nicht miteinbezogen in ihre Überlegungen. Gott hält zu Josef. Von Gott sind schon die Träume gekommen. Gegen alle bösen Absichten und Pläne (sowie Verwicklungen) führt Gott Josefs Weg bis an die Seite des Pharaos, dem er seine Träume deuten kann. Die drohende Hungersnot wird durch Josefs herausgehobene Stellung, die er vom Pharao bekommen hat, in Ägypten verhindert.

In Israel jedoch trifft sie alle, auch Josefs Brüder und Eltern. Notgedrungen schickt der Vater seine Söhne nach Ägypten zum Einkauf von Getreide. Nach weiteren Verwicklungen gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen. Es geht sogar noch weiter: Er vergibt ihnen ihre böse Tat. Zudem dürfen sie mit ihrer ganzen Großfamilie in Ägypten bleiben. Auch der Vater wird hergeholt und trifft im hohen Alter seinen totgeglaubten Sohn wieder.

Als nun Jakob, der Vater gestorben ist, bekommen es die Brüder erneut mit der Angst zu tun und erfinden eine Lüge: Ihr Vater hätte gesagt, Josef solle ihnen vergeben. Als es Josef hört, ist er traurig, weil seine Brüder es auf sein Wort hin nicht geglaubt oder ihm nicht vertraut haben. So zieht die ursprüngliche böse Tat nun eine Lüge nach sich.

Josef steht allerdings darüber und sieht einen größeren Sinn. Er sagt zu seinen Brüdern: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich zu erhalten ein großes Volk.“

 

So bekommt die Geschichte von Josef und seinen Brüdern ihr Happy End. Dafür gibt es keine Garantie. Der Hinweis aus der Geschichte am Ende ist jedoch bedenkenswert: Gott gedachte es gut zu machen. Jedenfalls hier hat Gott das schlimme Verhalten der Brüder im größeren Ganzen zu einem guten Ende geführt. Die Tat macht es kein bisschen besser. Sie bleibt verwerflich und ein krasser Verstoß gegen Gottes Gebot und Willen.

Gott ist dennoch in der Lage, manche böse Tat zu etwas Gutem zu nutzen. Wir können darüber nichts wissen, allenfalls im Nachhinein etwas erkennen. Nie jedoch kann es als Begründung für eine böse Tat gebraucht werden. Es würde die eigene Verantwortung leugnen und wäre zudem hochgradig zynisch.

Trotzdem verbinde ich mit dieser Geschichte die Hoffnung, dass zumindest manches, was ich falsch mache, von Gott noch in irgendeiner Weise für etwas Gutes genutzt werden mag.

Josef hilft zudem vielleicht in ein paar Familien, alten Streit und schwelende Konflikte aus dem Weg zu räumen. Wir sehen an Josef dabei ganz klar: Es braucht die Bereitschaft zum Vergeben – meistens auf beiden Seiten.

Ich wünsche Ihnen ein friedvolle Zeit!

 

Georg Ziegler, Pastor

Wort zum Sonntag 20. Juni 2021

Vom Verlieren – Suchen –  Finden --- Und Sich-Freuen

Eine Freundin erzählt mir am Telefon, daß sie wieder einmal ihren Schlüssel verloren habe.

Das ist ein Drama bei ihr, ein wirklich wunder Punkt. Wie oft habe ich es selbst miterlebt – Panik bricht aus, der Schlüssel, wo ist er?? Glücklicherweise hilft oftmals ihr Sohn, den Schlüssel zu finden. Inzwischen wurde regelrecht eine Strategie „erarbeitet“: An dem Schlüssel befindet sich nun ein langes breites rotes Band, lang genug, um am Rand aus der Handtasche zu gucken, wenn der Schlüssel darinnen ist. So genügt vor dem Fortgang ein Blick – ist das rote Band zu sehen?

Welche Erleichterung, welche Befreiung ist bei dieser Freundin spürbar, wenn der Schlüssel – einmal wieder abhanden gekommen – wieder da ist. Gefunden! Alles in Ordnung!

Wenn es um ein Lebewesen geht – zum Beispiel ein Schaf, wie in dem Evangeliumstext, der diesen Sonntag gehört und bedacht werden wird (Lukas 15 – lohnt sich sehr, zu lesen!) – dann ist es noch ungleich schlimmer. Dem Tier – oder gar einem Kind… oder…- könnte etwas zugestoßen sein; es könnte sich verlaufen oder verletzt haben oder sogar den Tod erlitten haben. Panik kann ausbrechen, zumindest große Sorge. Aber da ist Hilfe: der Sohn, der Hirte, ein Licht….

Welche Erleichterung, welche Befreiung, wenn das Tier, der Mensch wieder gefunden wurde, was für ein Anlaß zur Freude! Man könnte es direkt zusammen feiern.

Was oder wen haben wir während der lang anhaltenden Corona-Krise verloren?

Da seien Freundschaften auseinandergebrochen, ist zu hören, Familien haben sich untereinander verstritten wegen unterschiedlicher Meinungen zu den von der Regierung verordneten Regeln, Verboten und Maßnahmen. Menschen sind verzweifelt aus Kontaktmangel oder wegen eines wirtschaftlichen Einbruchs oder gar Ruins. Migranten konnten nicht mehr sorgfältig betreut werden.

Manche haben ihr Vertrauen in die natürlichen Abwehrkräfte verloren, manche ihr Vertrauen in den Staat, manche wissen nicht mehr, welchen Nachrichten oder Informationen sie trauen können. Vielleicht haben wir auch ein Stück echte Toleranz verloren? Andere Meinungen, auch solche, die uns befremden, gelten zu lassen? Anzuerkennen, wie verschieden Menschen denken und wie verschieden ihre Erfahrungen sind? Sehr schlimm, wenn Menschen das Vertrauen in den Sinn ihres Lebens oder eine echte Lebensmöglichkeit verlieren…. ! Schlimm, wenn Menschen Sozialkontakte und die Freude an Kontakten verlieren und manchmal eher Angst vor Begegnungen mit anderen Menschen haben.

Was für eine Erleichterung, wenn Menschen endlich wieder zusammen sein dürfen – eigentlich ja etwas Ur-Menschliches. Und da ist Hilfe: andere Menschen, gute Gedanken, der große Hirte….

Was verloren ging, läßt sich oft, meist (?), wiederfinden.

„Suchet, so werdet ihr finden“, heißt es lapidar in der Bibel (Matthäus 7, 7)

Das ist oft leichter gesagt als getan. Und ist oft mit Arbeit verbunden. Da suchen, hier suchen; nachdenken- wo könnte es sein – wie könnte ich es machen – oder: wodurch könnte man neuen Mut, neue Zuversicht, neue Freunde, alte Kraftquellen, einen neuen Job, ein neues Zuhause… finden oder wiederfinden? Und – wo, wie finden wir Lebensfreude?? Darauf zielt es letztlich. Finde etwas, das Dir und anderen – euch – Freude bereitet. Vielleicht etwas, das schon da war – wieder belebt. Vielleicht etwas bisher unbekanntes, gewagt, entdeckt, gefunden.

Das wünsche ich Ihnen: „Werft euer Vertrauen nicht weg!“ (Hebräerbrief 10, 35):

Suchen --- Finden--- und dann die Freude!                   

Herzlich, Ihre Pastorin Susanne Bömers, St. Willehadi

Wort zum Sonntag 2. nach Trinitatis

Liebe Gemeinde!

Predigttext für den heutigen 2. Sonntag nach Trinitatis ist ein Abschnitt aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 14:

 1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet!  3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.

„Die Sache Jesu braucht Begeisterte“ heißt ein „neueres“ Kirchenlied, aus den 70ger Jahren. Es gehört zu den Liedvorschlägen für den 2. So. nach Trinitatis. Für mich beschreibt das Lied, was Paulus den Korinthern schreibt „Strebt nach Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes!“

Erinnern Sie sich, daran, wann sie mal so richtig begeistert waren? Corona hat uns ja ziemlich ausgebremst in den Dingen, bei denen man am ehesten in Begeisterung gerät: Feiern mit gutem Essen und Trinken, fröhliches Zusammensein mit anderen Menschen, Sport Musik und Gesang. Alles Gelegenheiten, sich begeistern zu lassen und später anderen davon begeistert erzählen.

 Erinnern Sie sich, wie Sie von etwas so begeistert waren, dass Sie einfach davon weitererzählen mussten, weil man Begeisterung so wie Freude einfach teilen muss. Aber dann erleben Sie, dass ihr Gegenüber verhalten reagiert, zögerlich, vielleicht auch abwehrend? Sich also nicht anstecken lässt von Ihrer Begeisterung?

Es ist nicht so einfach mit dem Begeistern und begeistert sein. In „Begeistern“ steckt das Wort Geist und das erklärt schon, warum das nicht so einfach ist, andere zu begeistern. Geist lässt sich nicht fassen. Der Geist weht wo er will. Nicht umsonst ist Pfingsten ein schwer zu erklärendes Fest. Die Feuerzungen auf den Köpfen der Jünger sind ein Versuch, den Geist ab zu bilden. Sie sollen deutlich machen: sie haben keine Angst mehr und erzählen mutig von Jesus weiter. Die Sache Jesu hatte sie ja begeistert. Aber Feuerzungen? Irgendwie kann man das nicht so ernst nehmen. Außerdem gibt es nicht nur gute Geister. Schon Jesus hatte damit zu tun, Menschen von bösen Geistern zu befreien.

Damals in den 70ger Jahren, als kirchliche Jugendgruppen in Niedersachen das Lied „Die Sache Jesu braucht Begeisterte“ sangen, erlebte ich im Ruhrgebiet Eltern, die der Begeisterung von singenden und jubelnden Menschenansammlungen ganz skeptisch gegenüberstanden. Sie waren als Jugendliche in der Zeit des Nationalsozialismus und dessen Begeisterung für Hitler groß geworden und hatten die Folgen dieser falschen Begeisterung, den Krieg, überlebt. Ich musste verstehen lernen, dass sie sich mit dem Begeistern schwertaten. Als Christen leben wir mit dem Auftrag, die Sache Jesu weiter zu tragen. Das haben meine Eltern getan, mit Engagement, aber Kirche war für mich auch irgendwie langweilig. Es fehlte der Schwung. Die flotten Lieder lernte ich erst später kennen.

  Glaube Hoffnung, Liebe, Freiheit, Frieden, diese gewichtigen Worte brauchen immer wieder neuen Ausdruck in Liedern, Gebeten, Geschichten und Predigten durch begeisterte Menschen. So hinterlassen sie Spuren. So wecken sie Begeisterung.                                                                                                                 Der Apostel Paulus findet, dass die prophetische Rede ein wichtiges Mittel dafür ist, Begeisterung zu wecken: „Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten um die prophetische Rede. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.“ Das hört sich doch sehr nach Predigt an.

Ist eine Predigt eine prophetische Rede? Bewirkt sie Trost, Erbauung und Ermahnung? Die Predigerin oder der Prediger hat viele Stunden damit verbracht, sie vorzubereiten. Es reicht nämlich nicht, einen Bibeltext einfach nach zu erzählen oder christliche Lehrsätze vor zu tragen. Eine Predigt vor zu bereiten ist richtig Arbeit. Darum schwingt auch manchmal Enttäuschung mit, wenn man als Predigerin keine oder nur wenig Reaktionen von Hörern erlebt. Ich höre gerne Predigten. Jeden Sonntag neu bin ich neugierig, welches Bibelwort wie ausgelegt wird.  Die Worte, die mich erreicht haben, nehme ich als Hörende mit in die neue Woche. Sie begleiten mich und schenken so ihre Wirkung. Allerdings fällt es auch mir schwer, über das zu sprechen, was ich gehört habe und was meinen Glauben gestärkt hat.

 Eine Predigt. Sie würde fehlen, wenn es sie im Gottesdienst nicht gäbe. Sie ist auf jeden Fall ein Raum für den heiligen Geist. Ob er dann weht, dass ist offen. Prophetisch reden, das ist eine Sache. Aber Gottes Geist wirkt auch noch anders. Durch Lieder und Musik lässt er sich herbeibitten. Auf jeden Fall können Lieder und Musik Begeisterung wecken.                                                                                                   Kennen Sie „Narcotic“? Das ist ein Popsong der seit einigen Jahren durch die Konfirmandenarbeit geistert. Rockmusik, zu der alle an ihrem Platz in der Kirchenbank die gleichen körperlichen Bewegungen machen, die an ein Fitnessprogramm erinnern, die aber müde Konfis munter machen und Begeisterung wecken. „Narcotic“ ist eine Musik, die Gemeinschaft schaffen kann.                                                                                                                                 Auch bei den diesjährigen Himmelsstürmertagen kam sie täglich vor. Meistens am Morgen, zum Beginn der gemeinsamen Zeit, um in Schwung zu kommen. Im Abschlussgottesdienst fand sie Platz nach der Predigt. „Dann werden die Konfis wieder wach. Bei Predigten hören sie ja doch nicht zu, sondern schlafen ein.“ war die Äußerung einer Teamerin.                                                              Ist das wirklich so? Es ist nicht leicht zuzuhören. Es ist nicht leicht, spannend zu predigen. Es ist wichtig, sich Mühe zu geben, aber ob der Heilige Geist wirkt und begeistert, tröstet oder ermahnt, das kann man als Predigerin oder Prediger nicht machen. Mit der Unwissenheit muss man leben als Predigerin oder Prediger.                                                                                                       Dann kommen mir aber die strahlenden Gesichter einiger Konfis wieder in den Sinn, die mir erzählen, wie begeistert sie sind. „Das man das alles bei Kirche machen kann!“  „Ich habe mir Kirche viel langweiliger vorgestellt.“ Was sollte ich darauf antworten? „Ich freue mich, das zu hören! Danke, dass die das sagst! Die Teamer machen das prima mit Euch! Mir macht es auch Spaß, mit euch zusammen zu sein.“                                                                                        Und im Stillen rufe ich in den Himmel: „Danke, Heiliger Geist.“              Amen.

Pastorin Anke Diederichs, Scharmbeckstotel

Wort zum Sonntag 6. Juni

Ich stehe am Meer. Ich blicke auf das Wasser. Das Blau erstreckt sich in endloser Weite. Ich blicke in die Ferne. Am Horizont berühren sich hell- und dunkelblau.

Das Wasser ist Licht durchflutet. Die Sonne reflektiert an der Meeresoberfläche. 

Bunte Farbtupfen hüpfen über die Spitzen. Mutig gehe ich ein paar Schritte hinein. In den oberen Wasserlagen ist es warm. Ich mache ein paar Schwimmzüge. So fühlt sich Urlaub an.

Hier am Meer kann ich fast gar nicht anders als zu entspannen. Der Wind pustet all meine Sorgen weg. Das klare Wasser wäscht mir den Stress von der Haut. All die Arbeit, die auf meinem Schreibtisch liegt, ist hier auf einmal vergessen.

Hier am Meer bin ich an meinem Sehnsuchtsort.

 

Für Jona war das Meer kein Sehnsuchtsort. Er gelang ans Meer, weil er vor Gott weglief. Gott wollte nämlich, dass er Prophet wird um der Stadt Ninive den Untergang vorherzusagen. Jona selbst traute sich diese Aufgabe nicht zu. Deshalb lief er davon. Er wollte mit dem Schiff in die andere Richtung fliehen. Doch das Schiff gerät in einem Sturm und den Seeleuten ist schnell klar: Daran ist Jona Schuld, der vor seinem Gott flieht. Sie werfen Jona über Bord um Gott zu besänftigen

Gott aber schickt einen großen Fisch, der Jona verschlingt. Und Jona war drei Tage und drei Nächte lang im Bauch des Fisches.

 

Wie es wohl Jona dort unten ging? Gefangen im Bauch des Fisches, konnte er das Wasser nicht mehr sehen. Doch er konnte sich die unendliche Tiefe des Ozeans sicher vorstellen.

Je tiefer ich gedanklich ins Meer eintauche, desto dunkler wird es. Die Sonne kommt nicht mehr durch. Das Wasser wird kälter. Dort unten gibt es keine Pflanzen und bunten Tiere mehr. Alle Geräusche sind verstummt. Es ist still. Es kommt mir vor als sei der Ort völlig ausgestorben. In meiner Vorstellung ist es dort unten bedrückend. Das Gefühl von Urlaub, Leichtigkeit und Erholung habe ich hier nicht mehr.

 

Ob Jona wohl Angst hatte? Sicherlich! Wer hätte das nicht, gefangen in dem Bauch eines Walfisches? Die unbekannte Umgebung, das gefahrbringende Wasser, die Ungewissheit wie es weitergehen würde, ob er überleben würde… all dies trieb seinen Puls mit Sicherheit in die Höhe. Sein Atmen wurde schneller, die Knie weich.

Und auch sein schlechtes Gewissen holte ihn dort sicherlich ein. Davor hatte er auch auf dem Boot nicht fliehen können. Schließlich wusste er ja, dass er vor Gottes Auftrag geflohen war. Hätte er einfach das gemacht, was Gott gesagt hätte, dann wäre es vermutlich gar nicht so weit gekommen. All die negativen Gedanken holten ihn auch dort unten am Meeresgrund wieder ein.

 

 

Was tut Jona nun? Er betet

 

Als ich in Not war, schrie ich laut.

Ich rief zum Herrn und er antwortete mir.

Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe.

Da hast du mein lautes Schreien gehört.

In die Tiefe hattest du mich geworfen,

mitten in den Strudel der Meere hinein.

Wasserströme umgaben mich.

Alle deine Wellen und Wogen –

sie schlugen über mir zusammen!

Da dachte ich: Jetzt bin ich verloren,

verstoßen aus deinen Augen.

Als ich am Ende war,

erinnerte ich mich an den Herrn.

Mein Gebet drang durch zu dir.

Ja, wer sich an Nichtigkeiten klammert,

verliert seinen einzigen Halt im Leben.

Ich aber will dir mit lauter Stimme danken.

Auch meine Gelübde werde ich erfüllen.

Hilfe findet sich beim Herrn!

 

Was für ein existenzielles Gebet. Seine Worte gehen mir unter die Haut. Alles, was er denkt und fleht, hofft und bittet, legt er in sie hinein. Seine Worte sind voll Vertrauen.

Das finde ich ganz schön beeindruckend, wenn ich bedenke in welcher Situation Jona dort war: 

Unter Wasser.

An einem Ort wo kein Leben mehr möglich zu sein schien.

Im Bauch eines Fisches.

Geplagt vom schlechten Gewissen.

Von Gott abgewandt.

Wie stark, dass sich Jona in diesem Moment trotzdem an Gott wendet.

 

Nach diesem Gebet befiehlt Gott dem Fisch, Jona an Land zu bringen. Dort spuckte der Fisch ihn aus.

Was für ein dichter Moment das für Jona gewesen sein muss. Da betet er, wissend, dass er vorher vor Gott weggerannt war. Und sofort gibt es eine Reaktion. Gott hört ihn. Der Fisch setzt sich in Bewegung. Jona wird gerettet. Für Jona geht in diesem Moment sicherlich genau das in Erfüllung, wonach er sich gesehnt hatte. Er war Gott ganz nah. Dies war für ihn bestimmt ein Sehnsuchtsmoment.

Manchmal sehne ich mich danach, auch eine solche Gebetserfahrung zu machen. Wie schön wäre es, wenn Gott meine Gebete auch sofort erhören würde und ich spüren würde, wie sich die Situation schlagartig ändert.

 

Die Geschichte von Jona lässt mich hoffen. Gott kann Sehnsuchtsmomente schaffen, auch fernab von Sehnsuchtsorten. Selbst dann, wenn wir nicht damit rechnen, ist er für uns da. Er ist uns nah. Er hört uns und geht all unsere Wege mit. Amen.

Pastor Henning Mahnken, Scharmbeck

 

Wort zum Sonntag Pfingsten

Liebe Leserin, lieber Leser!
„Pfingsten sind die Geschenke am geringsten.“ – pflegte unser alter Superintendent mit einem Schmunzeln zu sagen und verwies damit auf den Bedeutungsverlust dieses Festes, das mit dem Geschenk des Heiligen Geistes so schwer zu greifen ist. Und doch feiern wir nichts weni-ger als den Geburtstag unseren Kirche; feiern, dass Gottes Geist Menschen in Bewegung setzt, sie begeistert und voller Hoffnung in eine neue Zeit aufbrechen lässt.
Mit dem heutigen Predigttext begegnet uns allerdings eine Erzählung, die auf den ersten Blick gar nichts mit Pfingsten zu tun hat. Wir lesen sie im 1. Buch Mose im 11. Kapitel:
Die Menschen hatten damals noch alle dieselbe Sprache und gebrauchten dieselben Wörter. Als sie nun von Osten aufbrachen, kamen sie in eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: »Ans Werk! Wir machen Ziegel aus Lehm und brennen sie!« Sie wollten die Ziegel als Bausteine verwenden und Asphalt als Mörtel. Sie sagten: »Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann wird unser Name in aller Welt berühmt. Dieses Bauwerk wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Erde zerstreut werden.« Da kam der HERR vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. Als er alles gesehen hatte, sagte er: »Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt.« Und dann sagte er: »Ans Werk! Wir steigen hinab und verwirren ihre Sprache, damit niemand mehr den anderen versteht!« So zerstreute der HERR sie über die ganze Erde und sie konnten die Stadt nicht weiterbauen. Darum heißt diese Stadt Babel, denn dort hat der HERR die Sprache der Menschen verwirrt und von dort aus die Menschheit über die ganze Erde zer-streut.
Hoch hinaus wollten die Menschen. Menschen, die sich verstehen, die eine gemeinsame Spra-che sprechen und ein gemeinsames Ziel vor Augen haben. Ehrgeizig ist ihr Projekt, eine neue Stadt zu bauen und einen Turm, der bis in den Himmel reicht. Ein Projekt, mit dem sie dem Himmel ein Stück näherkommen wollen – und mit dem sie auch Gott ein Stück näherkommen wollen!
An sich ein großartiges Vorhaben! Menschen, die in ihrem Leben etwas ändern wollen, die etwas Neues schaffen. Menschen, die bereit sind, sich mit ganzer Kraft und ganzem Herzen einzusetzen und keine Mühen scheuen. Da ist nichts zu spüren von Gleichgültigkeit oder Re-signation, sondern da ist eine große Entschlossenheit, die Dinge anzupacken. Ein klares Ziel vor Augen, ein Weg auf dem auch Widerständen oder Rückschlägen mutig die Stirn geboten wird.
Und doch wird ihr Turm schließlich zu einem Projekt grandiosen Scheiterns. Gott selbst kommt herab, schaut sich das Wirken seiner Menschenkinder sorgenvoll an. Er zerstört ihr Bauwerk nicht, aber er verwirrt ihre Sprache, so dass sie einander nicht mehr verstehen können, und zu guter Letzt zerstreut er sie über die ganze Erde.
Der Traum, mit diesem Turm ein Zeichen zu setzen, etwas für alle Bedeutsames zu schaffen und sich selbst einen Namen zu machen – plötzlich ist er wie eine Seifenblase geplatzt, endet in einer Katastrophe. Menschen, die eben noch mit einer Sprache gesprochen haben, sind jetzt sprachlos, fassungslos, verstehen die Welt mehr.
Eine Geschichte ohne Happy End. Und schnell ist der moralische Zeigefinger gehoben: „Siehste! Geschieht ihnen recht. Hochmut kommt vor dem Fall, und so ergeht es eben denen, die überheblich und größenwahnsinnig werden oder die meinen, Gott gleich werden zu kön-nen.“
Doch so einfach macht es uns diese Geschichte nicht! Denn sie hält auch uns einen Spiegel vor, und wir hören dahinter die Leute, die sie aufgeschrieben haben.
In einer Zeit, in der man noch keine wissenschaftlichen Antworten auf die großen Fragen des Lebens suchte, erzählten sich Menschen Geschichten, die das Leben erklären sollten. Also: „Warum verstehen die Menschen sich nicht? Warum leben sie verstreut auf der ganzen Erde und sprechen verschiedene Sprachen?“ Aber auch: „Warum fühlen wir uns manchmal so allein in einer kalten, geistlosen Welt; in einer Welt, die oft kaum zu begreifen ist und uns an vielen Stellen so sinnlos erscheint?“
Die alte Geschichte weiß, es war nicht immer so mit den Menschen, denn anfangs konnten sie sich verstehen. Aber irgendwann ist es passiert. Die Angst vor der Zukunft hatte ihren Blick verengt. Sie fingen an, nur noch Ziegel und Mörtel zu produzieren. „Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, der bis an den Himmel reicht!“ Bedeutsam wollten sie sein, sich einen Namen machen, wie Gott sein. Doch Gott blickt mit Sorge auf ihren Aktionismus und beendet ihn schließlich: »Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt.«
Doch Menschen hören nicht auf, Türme zu bauen, mit denen sie Gott gleich werden wollen. Sie hören nicht auf, sich einen Namen machen zu wollen. Sie wollen Gott näherkommen und entfernen sich doch immer mehr, weil sie die Bodenhaftung verlieren.
Menschen bauen weiter am Turm zu Babel – indem sie z.B. weltweite Vernetzung und künst-liche Intelligenz zum Maß der Dinge machen oder neue Lebewesen in Laboren erschaffen; indem sie grausam über andere herrschen, mühsam erzielte Kompromisse egoistisch aufkün-digen oder die Schöpfung achtlos ausbeuten. Manche versuchen, immer mehr Geld zu horten – mächtig, maßlos, rücksichtslos. Im Großen geschieht das wie im Kleinen. Getrieben von der Sehnsucht den Himmel zu berühren.
Aber letztlich bleibt wohl niemandem die Erfahrung erspart: In den Dingen selbst steckt keine Bedeutung. Lebenssinn lässt sich nicht bauen, wenn jeder sich selbst der Nächste ist.
Doch heute feiern wir Pfingsten. Und das heißt: Die alte Turmbaugeschichte behält nicht das letzte Wort. In der Pfingsterzählung findet sie gewissermaßen ihre Gegengeschichte. „Auf ein-mal geschah ein Brausen vom Himmel“, heißt es bei Lukas, „und sie wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und fingen an zu predigen in anderen Sprachen.“ Wie ein Wunder ist es, dass sie
sich auf einmal verstehen, trotz der verschiedenen Sprachen: „Wir hören sie in unseren Spra-chen von den großen Taten Gottes reden.“
Plötzlich können die Menschen verstehen, über ihre Grenzen sehen und mit dem Herzen be-greifen. Sie werden in Bewegung gesetzt, herausgeholt aus ihrer ängstlichen Erstarrung. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes begeistert und wieder sprachfähig. Und sie spüren: es gibt mit Christus eine neue Beziehung Gottes zu den Menschen. Denn hier ist Gott nicht von oben als Besucher herabgestiegen, sondern in Christus kommt Gott als Mensch zu den Men-schen.
Dies zeigt auch uns: Lebenssinn und Bedeutung können nur wachsen, wo wir mit anderen Menschen in Beziehung treten; wo wir einander achtsam begegnen und wichtig nehmen. Bei Gott dagegen brauchen wir uns keinen Namen zu machen, denn bei Gott ist unser Leben längst bedeutsam. Mit Christus schenkt Gott neue Freiheit und zeigt, dass er seinen geliebten Menschenkindern vertraut.
Was wir allerdings daraus machen, ist eine andere Sache. Und wird sich unser Leben auch weiterhin zwischen diesen beiden Polen bewegen. Zwischen dem grenzenlosen ‚Hochhinaus‘ des Turmbaus, einerseits; und dem Pfingstgeist, der unserem Leben Sinn und Bedeutung schenkt, andererseits.
Mit Jesus Christus sagt Gott uns Menschen: „Ihr wisst, was ihr könnt und ihr habt die Freiheit, eure Fähigkeiten und Gaben zu nutzen. Richtet euer Handeln immer wieder neu an der Liebe zum Nächsten aus. Es gehört zum Menschen dazu, dass er hochhinaus will. Aber achtet darauf, dass ihr niemanden schadet und lasst euch gerade in dieser Zeit vom Geist der Liebe beflügeln. Nutzt dieses großartige Geschenk zu Pfingsten – es ist alles andere als gering!“ Amen.
Christa Siemers
Pastorin in der Emmaus-Kirchengemeinde